RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#1 von Campino ( gelöscht ) , 26.11.2009 13:11

Unserem diesjährigen Treffen mit Freunden an der baskischen Atlantikküste sollte die Verwirklichung eines schon lange gehegten Wunsches vorausgehen: Endlich einmal einige der vielen in Burgund verstreuten Glanzlichter abendländischer Baukunst und Skulptur aufzusuchen und an Ort und Stelle zu bewundern, denn leider hatten wir bislang diese großartige Region stets nur als Durchgangsland zu den verschiedenen Urlaubszielen missbraucht.

Auf direktem Weg über die A 31 (Luxembourg, Nancy) nehmen wir am


In Chablis biegen wir auf die D 91 nach 89144
Ligny-le-Châtel zum
Camping Municipal „Noue Marrou“, unserer ersten Basis.






Im nahen Tonnerre reizt als erstes das „Hôtel-Dieu Notre Dame de Fontenilles“, eines der ältesten Hospitäler Frankreichs, 1293 in nur 2 Jahren erbaut.




In dem riesigen Krankensaal (91m lang, 18m breit), nach oben von einer durchlaufenden Holztonne abgeschlossen (ein Modell lässt die Zimmermanns-Meisterleistung erkennen), waren die 40 Krankenbetten seitlich an den Längswänden auf die 3 Kapellen im Osten ausgerichtet.
Dieser Kapellen-Kirchenteil ist auch von außen erkennbar:




Auffallend die stark abgeschrägten Strebepfeiler. Einziger Schmuck: das Konsolgesims unterhalb der Traufe.

Innen dagegen ein wahres Kleinod an Bildhauerkunst:
In einer Kapelle die von den Brüdern Jan-Michel und Georges de la Sonnette geschaffene „Grablegung“, gestiftet 1554 von einem wohlhabenden Kaufmann.




Meisterlich, wie naturalistisch die in zeitgenössischen Gewändern dargestellten Figuren in Mimik und Gestik das Werk lebendig machen.

Beim Gang durch die Stadt, vorbei an einigen wunderschönen Renaissance-Häusern, gelangen wir – dank Hinweisschildchen Weltkulturerbe – zur „Fosse Dionne“.




Diese sehr tiefe geheimnisvolle Quelle wurde Mitte des 18.Jh in der heutigen Form eingefasst und mit einem halbkreisförmigen Waschhaus versehen – Treffpunkt der Waschfrauen und Ort ihres berüchtigten Klatsches.




Durch einen kleinen Kanal wird das Wasser in das Flüsschen Armaçon geleitet.







*


Nur 4 km von unserem Campingplatz entfernt liegt Pontigny mit der ehemaligen Klosterkirche „Notre-Dame-de-l´Assomption“ (1145).




Sie ist ein besonders schönes Beispiel für asketisch klare zisterziensische Architekturauffassung.
Durch eine Vorhalle betreten wir das dreischiffige Langhaus. Ein niedrigeres Querhaus mit Rechteckkapellen gliedert den 3 Joche tiefen Langchor mit Umgang und Kapellenkranz ab. Das Gebäude ist turmlos, nicht einmal ein Dachreiter, kein figürlicher Schmuck, keine bunten Glasfenster, keine Krypta; sein weißer Kalkstein strahlt jedoch eine unglaubliche Helle aus.
Der langgestreckte, die Horizontale betonende Bau erhält lediglich durch die Strebebogen am Chor hier eine vertikale Komponente.

*

Von unserem Basisplatz ca. 60 km entfernt, aber über die N 6 gut erreichbar, befindet sich Sens Hier lockt die „Kathedrale Saint-Etienne“ (1140/60). Beeindruckend die große Fensterrose an der Südseite des Querschiffs.





Rose Nordseite

Die beiden rahmenden Strebepfeiler enden im wild züngelnden Maßwerk des Flamboyant.


*


Wir wechseln nun unseren Campingplatz etwas südlicher und für die nächsten Ziele günstiger gelegen nach 89270 Vermenton auf den Camping Municipal „Les Coullemières“ am Ufer der Cure, einem außerordentlich gepflegten ***-Platz für nur 14,40 €.




Unser erster Besuch geht ins gut 40 km entfernte Auxerre, wo auf einer kleinen Anhöhe am Ufer der Yonne sich die „Kathedrale Saint-Etienne“ über der Stadt erhebt.




Diese zwischen 1100 und 1250 erbaute hochgotische Bischofskirche, bei der Langhaus und Chor etwa gleich groß und durch ein fünfteiliges Querhaus getrennt sind, ist der 5. Kirchbau an dieser Stelle.




Wir betreten durch eines der 3 Portale an der Westseite unter einem aufwendig gestalteten Tympanon die Kirche




und befinden uns in einem hellen lichtdurchfluteten Raum.






Zusammen mit den großen Fenstern schaffen die hohen, sehr schlanken Säulenbündel ebenso wie die grazilen Arkaden einen feingliedrig leichten Gesamteindruck.
Wie schon anfangs angedeutet wurde dieses Bauwerk an der Stelle einer romanischen Kathedrale errichtet: dabei blieb deren unversehrte Krypta erhalten, sie diente als Sockel für den Chor der heutigen Kirche und ist ein herrliches Zeugnis der Romanischen Kunst und eines der bedeutendsten Baudenkmäler Frankreichs.





Vom hinteren Teil des Krypta-Kirchenschiffes wird das ganze Ausmaß dieses unversehrten Saales aus dem 11.Jh mit Kreuzgewölben deutlich.




Auf dem Tonnengewölbe zur Apsis kann man gut erhaltene Freskenmalerei bewundern : den Triumphzug des reitenden Christus umgeben von 4 reitenden Engeln nach der Offenbarung Joh.

Der abschließende Gang durch die Stadt läßt uns noch einige schöne bürgerliche Häuser entdecken:







*


Bei der Rückfahrt nach Süden durch das burgundische Hügelland wird auf einer Anhöhe die Abteikirche „Sainte-Madelaine“ von Vézeley schon von weitem erkennbar, im Mittelalter einst Sammelort der Pilger eines der 4 Wallfahrtswege (über Perigueux und Roncevaux) nach Santiago de Compostella.




Der Ort erhält 1146 historische Bedeutung, als hier Bernhard von Clairvaux vor den Mächtigen der damaligen Welt zum 2. Kreuzzug aufruft und die Kreuzritter in das Heilige Land schickt. Daher erklären sich auch die eindrucksvollen Ausmaße dieses romanischen Kirchbaus.




Nach Betreten der 3-schiffigen Vorhalle stehen wir innen vor dem gewaltigen Tympanon über dem Hauptportal.




Es zeigt Pfingsten, die Ausgießung des Heiligen Geistes: Im Zentrum Christus in seiner Glorie, er gießt mit ausgebreiteten Armen den Hl. Geist auf die Apostel – an feinen Linien zu erkennen. Die radialen Kästen zeigen die zu missionierenden Völker der damaligen Welt, selbst noch unbekannte, in antiken Texten überlieferte Wesen mit fremdartigem Aussehen. Lässt sich hier nicht auch ein Zusammenhang mit den Kreuzzugsvorbereitungen im 12. Jh. sehen?




Das dreischiffige romanische Langhaus (1090 – 112 hat an der Decke schon ein Kreuzrippengewölbe; es wird von kräftigen Bündelpfeilern gestützt. Ihre mit großer Kunstfertigkeit ausgestalteten Figurenkapitelle haben Vézelay vor allem bekannt gemacht.










Der erst Ende des 12.Jh. geschaffene Chor zeigt schon den neuen Stil der Gotik: Spitzbogengewölbe, Lanzettbogenfenster, noch ohne Maßwerk



wie auch den Chorumgang mit gegeneinander offenem Kapellenkranz.





*


Zum Abschluss dieser 2. Etappe hatten wir uns als Höhepunkt aufgespart: die herrliche Zisterzienser-Abtei „Fontenay“ nahe dem kleinen Ort Marmagne (Côte d´Or), 1118 von Berhard von Clairvaux gegründet.

Als Gegenbewegung auf die oft um Wirkung, Glanz und Größe bedachte prunkvolle klösterliche Lebensart wie sie das Kloster Cluny repräsentierte, bei der die Liturgie zu einem faszinierenden Wechselspiel aus Gesängen, Licht und Farbe sich gewandelt hatte und wo Messen, Gebete und Chorgesänge unter einer ausgeklügelten Dramaturgie spektakulär inszeniert wurden, aber auch im Gegensatz zu dem feudalen Auftreten der dortigen Äbte im Kreise der Mächtigen, führten die Zisterzienser ein asketisch einfaches Leben nach strengen Regeln in Armut und Demut. Ihre Klöster legten sie immer in einsamen, meist sumpfigen Tallagen an, die zunächst trockengelegt und kultiviert werden mussten.
So heißt Fontenay, vom lat. fontaneum, „die auf den Quellen schwimmt“.

1147 wurde die Abteikirche vom Papst geweiht, bis zum Ende des 12.Jh. lebten 200 Mönche hier, die meisten Gebäude waren inzwischen erstellt.




Kurz hinter dem kleinen Örtchen Marmagne (Côte d´Or) bei Montbard zeigt sich die Kirche zunächst mit ihrer schlichten, völlig schmucklosen Fassade, ganz wie es das Anliegen des Ordenstifters, Bernhard v. Clairvaux, war.
Der Grundriss der als Basilika gebauten Abteikirche hat die Form eines lateinischen Kreuzes: einem tonnengewölbten Hauptschiff mit 2 Seitenschiffen, Querschiff und einer rechteckigen schmalen Apsis. In ihrem äußerst einfach gehaltenen romanischen Stil findet sich nicht einmal Skulpturenschmuck an den Kapitellen, nichts soll bei der Andacht ablenken. Einziges Kleinod: im nördlichen Teil des Querschiffes seitlich die „Marienstatue von Fontenay“ (um 1300).




An das südliche Querhaus schließt sich rechtwinklig das langgestreckte Konventsgebäude des Klosters an.
Es beherbergt ebenerdig den „Kapitelsaal“, Versammlungsort der Mönche mit dem Abt; hier wurden täglich ein Kapitel bzw. Auszüge aus den Regeln des Hl. Benedikt gelesen und besprochen oder Anliegen der Gemeinschaft diskutiert.






In der Verlängerung dahinter der „Saal der Mönche“




In diesem Raum kopierten die Mönche Manuskripte und illustrierten sie mit kostbaren Bildchen.



Wenn auch bunte Glasfenster – sei es bleiverglast oder gemalt – nicht den asketischen Regeln des Ordens entsprachen, ihre Fenster hier haben ästhetischen Reiz.

Über diesen beiden Bereichen erstreckt sich im ersten Geschoss in ganzer Länge der tonnengewölbte „Schlafsaal“ mit seinem phantastischen Eichengebälk. Nach der Regel des Hl. Benedikt schliefen alle Mönche auf Strohsäcken in einem Raum.






Vom Klostergarten der Blick aus Osten auf das Konventsgebäude (li) und die Apsis der Kirche (re).



Aus dem Innenhof des Kreuzganges zeigt der Blick links die Südwand der Kirche, an deren kleinem Querschiff sich dann in Fortsetzung das Konventsgebäude anschließt; erst hier befindet sich als steinerner Dachreiter das Glockentürmchen der Abtei.



Dieser Kreuzgang, Herz der Abtei, zeigt die gleiche Schlichtheit wie die Kirche; die Arkaden des Kreuzganges ruhen auf durchlaufendem Mauersockel, Säulenpaare mit stämmigen Schäften tragen die Rundbögen, die paarweise von großen Entlastungsbögen überfangen werden.
Die fast schmucklosen Kapitelle zeigen – wenn überhaupt – alle das gleiche Pflanzenmotiv.






Von den Nebengebäuden sehr beeindruckend ist die „Schmiede“ im südlichen Teil des Geländes. Das benötigte Eisenerz gewannen die Mönche aus Stollen nahe beim Kloster.



Abgeleitetes Flusswasser trieb Wasserräder an, um so über ein Getriebe mächtige Schmiedehämmer zu bewegen; auf diese Weise wurde Handwerkszeug hergestellt, das man in der Umgebung verkaufte.







Während der französischen Revolution wurde das Klöster aufgelöst und als Nationalbesitz verkauft. Im 19. Jh. in den Besitz der Familie Mongolfier gelangt – aus dieser Zeit stammt das große Forellenbecken mit den Kaskaden –

kaufte 1906 der lyoneser Bankier Aynard das Anwesen. Mit viel Engagement und Sachverstand wurden gewaltige Renovierungsarbeiten durchgeführt und der heutige einzigartige Zustand erreicht.
1981 erklärte die Unesco Fontenay zum Weltkulturerbe.


*


Für die Hauptstadt Burgunds, Dijon, einer der herausragendsten Kunststädte Frankreichs, ist uns eine ortsnahe Bleibe schon wichtig.
Wir richten uns daher auf dem Camping du Lac Kir, Boulevard Chanoine Kir, unmittelbar in der Stadt im Grünbereich eines Sees ein.






Mit dem Stadtbus der Linie 3 (1€, 1 Std. gültig) ist das Zentrum nach 3 Stationen schnell erreicht.

Auf dem eleganten Platz vor dem „Palais des Ducs/Palais des Etats“ lassen wir bei einem ‚kleinen Schwarzen’ zunächst den ersten Eindruck dieser kultivierten Stadt auf uns wirken.





Der Blick auf die Stirnseite des Westflügels (1689) und in den Ehrenhof des herzoglichen Palais lockt uns bald zu einem Besuch in die weitläufige Anlage.
Eine Durchfahrt im Ostflügel führt uns in ein weiteres Hof-Karree, wo die ‚Tour de Bar’ mit dem Treppenaufgang zur Galerie Bellegarde


den ältesten Teil (13.Jh) darstellt: ein quadratischer Donjon (Bergfried) mit Treppentürmchen an den Ecken.
Von dem rechts anschließenden Flügel sieht man gerade noch einen Zipfel des ‚Museum der Schönen Künste Dijon’ (Musée des Beaux-Arts), sicherlich Höhepunkt eines jeden Besuchs hier. Auch wenn leider nicht alle Bereiche wegen Renovierungsarbeiten (von 2008 bis 2012) zugänglich waren, der uns so wichtige Bereich, die ‚Salle des Gardes’ (Wächtersaal) mit den beiden Grabmalen aus Champmol war noch nicht betroffen: das Doppelgrab von Johann ohne Furcht und Margarete von Flandern (Marguerite de Bourgogne) sowie das Einzelgrab von Philipp dem Kühnen (+1404), u.a. gestaltet von dem genialen Holländer Claus Sluter.




Jeder Besuch in dieser alten Stadt ist immer wieder ein Erlebnis. Beim Schlendern durch die Straßen überraschen uns auf Schritt und Tritt wunderschöne alte Bürgerhäuser,
wie das Hôtel Aubriot (Ende 15.Jh), ein herrschaftliches Stadthaus mit einem Prachtportal aus dem 17.Jh



oder das Maison Milsand



bei dem meine neugierige Frau einen romantischen Innenhof entdeckt






sowie das Maison Millière (1493)


ebenfalls mit reizvollem Innenhof



Das Hôtel de Voguë (1607)




und die zum ‚Téâtre Dijon Bourgogne – Centre Dramatique National’ umfunktionierte ehemalige Kirche St. Jean




Immer bleibt das Stadtbild individuell und manchmal etwas eigenwillig.




So auch die zwischen 1220-1240 gebaute dreischiffige Basilika ‚Notre Dame’, bei der sich der spitze Turm lediglich über der Vierung erhebt;




Die turmlose Westfront zeigt eine einzigartige Schauwand: über dem dreiteiligen Portal erheben sich vor der völlig glatten schmucklosen Wand zweigeschossig Blendarkaden aus grazilen, schlanken Säulchen; aller Schmuck sammelt sich in den üppig gestalteten geschoss-markierenden Rankenreihen und den 51 weit vorspringenden Wasserspeiern.




Die Kathedrale und Bischofskirche ‚Saint-Bénigne’ ist der gotische Neubau nach dem Einsturz (1280) der ehemaligen Abteikirche aus dem 6. Jh.



Im Innenraum u.a. auch die beiden Stifterfiguren auf Marmorsarkophagen.





Als etwas ganz Besonderes gilt die einstige Verbindung aus der Krypta der ursprünglich romanischen Klosterkirche mit einem östlich davorliegendem dreischiffigen Rundbau (8, 16, 24 Säulen), der Rotunde.
In der französischen Revolution abgerissen ist heute hiervon nur noch das 1860 wieder ausgegrabene Untergeschoss erhalten.







Betender, in der klassischen Haltung mit zum Himmel erhobenen Händen

Von den weitläufigen Klosteranlagen existiert nur der Ostflügel des Kreuzgangs und der aus massigen Bruchsteinpfeilern gewölbte Kapitelsaal.






Hier befindet sich heute das Archäologische Museum.


*

Als Abschluss unseres Dijon-Besuchs haben wir uns die 'Kartause von Champmol' mit dem Mosesbrunnen in unmittelbarer Nachbarschaft unseres Campings aufgespart. Dieses einstige Kartäuserkloster, 1385 von Philipp dem Kühnen, dem sehr kunstsinnigen, aber auch sehr um sein Seelenheil besorgten Herzog von Burgund vor den Toren der Stadt gestiftet, entwickelte sich schnell zu einem Zentrum künstlerischen Schaffens, hatte doch Philipp gleich testamentarisch den Chor der Klosterkirche als Platz für die herzoglichen Grabmale festgelegt.

Aus der Vielzahl der hier arbeitenden namhaften Künstler ist für den Bereich der Bildhauerkunst Claus Sluter aus Haarlem sicherlich der genialste.
Von ihm stammen u.a. die 5 lebensgroßen Figuren am Hauptportal der Kartauserkirche, jede einzelne auf einer Konsole und unter einem Baldachin.




Am Mittelpfosten des Portals die Statue der Maria mit dem Kind auf dem Arm. Beide sind mit ihren Gesichtern einander zugewandt.
Die Haltung der Maria, der seitlich augestreckte rechte Arm ebenso wie der ausgestellte, entlastete rechte Fuß in einer Gegenbewegung, die ganze Figur ist außerordentlich bewegt und dynamisch; dem entspricht auch der Faltenfluss ihres Gewandes.
Auf den Außenseiten des Portals jeweils 2 Figuren unterschiedlicher Größe: Innen jeweils ehrerbietig knieend und die Mutter Gottes anbetend das Herrscherpaar, links Philipp der Kühne, rechts Margarete von Flandern; ihre Gesichtszüge sollen realistische Portraits sein!
Hinter ihnen überlebensgroß begleitende Heilige: für Philipp ist Johannes der Täufer der Fürsprecher, für die Herzogin ist es die Heilige Katharina. – Unterschiede in der Größe der Figuren wirken auf mich wie die bewusste Schaffung einer Perspektive, sie gibt dem Portal optisch eine Tiefe und ist gerichtet auf die Mutter Gottes in der Mitte.


Sluters bedeutendstes Werk dürfte wohl der Mosesbrunnen von Champmol sein. Er bildete einst den Mittelpunkt im großen Kreuzgang des Klosters. Aus dem Brunnenbecken erhebt sich eine sechsseitige Säule, vor deren Seitenflächen jeweils auf einer Konsole 6 Propheten stehen, die die Passion Jesu geweissagt hatten. Ihre Namen sind unterhalb der Konsole eingemeißelt.


Zacharias


Daniel


Jesajas


Jeremias


David


Moses
Schlanke Säulen mit Laubwerk-Kapitellen zwischen ihnen dienen als Träger für über den Propheten schwebende Engel; mit ihren ausgebreiteten Flügeln tragen sie das Podest für das wahrscheinlich seit Ende des 18. Jh. verschollene Kalvarienmonument mit dem Gekreuzigten, der Mutter Maria, Johannes dem Täufer und Maria Magdalena. Im Musée Archéologique ist hiervon nur noch die Büste Jesu und die Beine zu sehen.
Während der Französischen Revolution wurde die Kartause aufgelöst, heute befindet sich hier der Krankenhauskomplex von Champmol. Den Mosesbrunnen umgibt nun ein sechseckiger Schutzbau aus Stein und geometrisch gesetzten farbigen Ziegeln.





*


Ein kleiner Sonntagsvormittags-Ausflug in den Forêt Dominale de Val Suzon im Norden vor der Stadt führt uns vorbei am ‚Château de Vautoux’ bei

Messigny-et-Vautoux. Der spätere Präsident des Parlaments von Burgund ließ sich in den Anfangsjahren des 18.Jh. diesen eleganten Wohnsitz errichten.


Der blockförmige Baukörper wird durch einen dreiachsigen Mittelrisalit mit Dreiecksgiebel feinfühlig gegliedert und von einer Balustrade mit Postamenten an den Ecken gekrönt; dennoch ragt ein vergleichsweise hohes Walmdach dahinter auf. Die schlanke Wirkung der Fenster verstärken senkrecht blind gesetzte Balustradenelemente an den Unterseiten. Sie bilden mit dem Geländer des schmalen Balkons über dem Eingang eine feine waagerechte Linie. Girlanden, Figurenschmuck an den Konsolen und die mit einer dekorativen Kartusche geschmückte Uhr im Dreiecksgiebel zeichnen nur den Mittelrisaliten aus.
B 86.2 2297
Wie dekorativ sich doch ungebetener Besuch fernhalten lässt.


*


Nachmittags ein kurzer Abstecher südlich aus der Stadt, in Longecourt-en-Plaine das ‚Château Longecourt’.


Es ist ein Wasserschloss, wie sie auch bei uns in Westfalen noch häufig sind: eine quadratische Dreiflügelanlage mit mächtigen Rundtürmen an den 4 Ecken, umgeben von einem breiten Wassergraben. Über eine massive Zugangsbrücke gelangt man in den Ehrenhof. Während die Gebäudefronten hier aus hellem Stein gestaltet sind, wurden die Rundtürme und die Gartenseiten in rotem Ziegelmauerwerk mit farbig schimmernden Mustern gehalten. Auffallend die reich dekorierten geschosshohen Dacherker in den Türmen.




*


Zum Abschluss unseres Burgund-Aufenthalts unternehmen wir noch einen Besuch im nahen Beaune und dem dortigen ‚Hôtel-Dieu’.
1443 nach dem 100-jährigen Krieg erbaut, zunächst als Armenspital mit nur einem riesigen Gemeinschaftssaal, bestand es zunächst nur aus dem großen gotischen Steinbau mit dem imposanten Schieferdach.


In dem ‚Großen Armensaal’, mit dem offenen Spitztonnen-Dachstuhl (aus spinnenabweisendem Kastanienholz).


lagen die Kranken in Alkovenreihen entlang der Längsseiten,




dahinter gab es einen Bedienungsgang, über den Schwestern die Patienten diskret versorgen konnten.
Vor den Alkoven die Besucherplätze; am Ende des Saals trennte ein Lettner die obligatorische Kapelle ab.
Der gute Ruf des Spitals verbreitete sich rasch, auch bei Bürgerlichen und dem Adel. Dank reicher Spenden war es möglich, das Spital noch im gleichen Jahrhundert durch weitere Flügel zu erweitern, sie bilden heute das markante Bild des Hôtel-Dieu:




Die mit bunten glasierten Terrakottaziegeln in phantasievollen geometrischen Mustern gedeckten Dächer und zwei Reihen schnitzwerkverzierter Dachgauben schmücken den neueren Teil des Hospizes, jetzt verfügte man auch über Krankenzimmer für die ‚gehobenen’ Schichten . Über die außen doppelstöckig umlaufenden Flure konnten auch hier die Schwestern ihre Kranken bei jedem Wetter versorgen. Reichliche Spenden, gute Einnahmen durch zugefallene Ländereien und jährliche eigene Weinversteigerungen machten u.a. möglich, dass z.B. die Kranken nicht aus den damals üblichen Holzgeschirr aßen, sondern ihre Mahlzeiten in Zinngeschirr serviert bekamen.


*

Nun geht es endgültig weiter in den Süden, Freunde und Altbekanntes warten schon.
Über die N74/ N6 bis Villefranche, die D38 – N7 Tarare, N82/N89 Thiers, Clermont, Ussel, Tulle, Brive durch die herrliche Auvergne und das wunderbare Limousin schließlich nach
Lissac-sur-Couze. Am Lac du Causse erreichen wir nach 501 km ‚klein-klein’ den "Camping Intercommunal la Prairie
"
, ein Traum-Platz, von dem aus wir einige Tage das wunderbare Perigord genießen.








Der ‚Katzensprung’ bis zum Zielhafen Labenne-Océan und unserem „Camping Les Pins Bleus“ – kaum der Rede wert.





Für die nächsten 5 Wochen kann der gewohnte und liebgewonnene Herbsturlaub mit alten Freunden beginnen:
Radtouren, lange Wanderungen am Meer, Pilzesuchen in den Wäldern und natürlich bei einem Pastis das bunte Treiben an sich vorbeiziehen lassen – „same procedure as last year - same procedure as every year“.

Campino

RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#2 von HD , 26.11.2009 13:49

Danke Campino - in sehr ausführlicher und schöner Reisebericht mit Kunstführer - Einiges kannte ich, anderes ist neu und lohnt wohl einen Besuch, zumal Burgund oft auf meiner Route liegt .
Grüsse von HD

 
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RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#3 von sunshine , 26.11.2009 13:55

Hallo Campino,
danke für deinen interessanten Reisebericht und die schönen Bilder.
Ich freue mich immer, wenn ich sehe, dass sich jemand (so wie ich) für historische Gemäuer begeistern kann.
Und du kennst dich natürlich auch noch prima damit aus.

Ich führe auch so eine innere Liste mit Durchgangsregionen, auf denen vermerkt ist "... wenn die Zeit reicht, anhalten".
Meist ist die Zeit leider zu kurz, weil die Zielregion noch weit entfernt ist.

Aber irgendwann mal werde ich das auch ändern...

 
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RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#4 von Expat ( gelöscht ) , 26.11.2009 13:55

Tonnerre, Auxerre, Vezeley, da kommen schöne Erinnerungen wieder. Danke.

Expat

RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#5 von Kast , 26.11.2009 16:55

Danke für diesen wunderbaren Reisebericht, der unseren schon lange bestehenden Wunsch, einmal länger als für eine Zwischenübernachtung in Burgund zu bleiben, verstärkt hat.

Gruß Karin

 
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RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#6 von Rolf ( gelöscht ) , 26.11.2009 17:56

Hallo Campino!

Vielen Dank für deinen tollen Reisebericht, der allerdings so umfangreich ist, dass ich ihn erstmal nur überflogen habe und ihn nun Etappe für Etappe "nachreisen" werde.

Gruß
Rolf

Rolf

RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#7 von daf43 , 26.11.2009 18:16

Hallo Campino,
toller Bericht und schöne Bilder. Einiges haben wir auch schon gesehen, aber Du hast auch vieles gezeigt, was wir nicht kennen.

Wir planen unsere Reisen auch so, dass wir uns auf der Durchreise mehrere Tage in bekannten oder weniger bekannten Regionen umschauen können und kürzen dafür lieber den Badeurlaub am Zielort.
daf43

 
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RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#8 von morgenröte , 26.11.2009 18:57

REisebericht und Kunstführer, das macht Freude beim Lesen und betrachten.

Vielen Dank für´s mitnehmen
Gruß Andrea

 
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RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#9 von winnow ( gelöscht ) , 26.11.2009 19:17

Schön dass man da virtuell hinreisen kann, den in echt werde ich da wohl irgendwie nicht hinkommen, liegt die nächsten Jahre so gar nicht auf unseren Routen.....also ist es doppelt nett, sich das am Bildschirm ansehen zu können

winnow

RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#10 von Susanne , 26.11.2009 20:20

hallo campino,

schöner reisebericht, mit vielem, das wir kennen und vielem, was wir noch entdecken wollen.

 
Susanne
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RE: Zu Glanzlichtern von Baukunst und Skulptur in Burgund

#11 von sebbarca , 26.11.2009 21:53

Hola Campino!

So etwas rettet mich immer nach dem ich stundenlang am Schreibtisch gesessen habe: ein kleiner Ausflug nach Frankreich! Danke!

Hasta luego!

Klaus

 
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