RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#1 von Campino ( gelöscht ) , 22.05.2008 12:02

Teil 1


Vom Mont Ventoux zum Luberon

Seit Jahren schöpfen wir nach der langen Winterpause neue Energie, neuen Schwung unter dem blauen Himmel der lichtdurchfluteten und schon früh in voller Blüte stehenden Provence.
Wir starten früh am Sonntag, 30.März, in Richtung Luxemburg, um dann über Routes Nationales durch Lothringen und die Franche-Comté Lyon und das Rhônetal zu erreichen. Als 1. Übernachtungsplatz wollen wir diesmal nach 570 km den „Camping-Club Lac de Bonzey“ in 88390 Sanchey bei Epinal kennenlernen. Unser Urteil jedoch: eng, winzige Stellplätze,schlammiger Untergrund, mehrheitlich Chalets aufgestellt und mit € 20,- oder auch solch eine Naturskulptur, gebettet in Rosmarin.absolut überteuert.
Über die N 57 (durch Belfort), N 83 (Lons, Bourg-en-Bresse) erreichen wir problemlos – wir hatten diese Route gerade im Herbst schon schätzen gelernt – die Roccade von Lyon und dann das Rhônetal.
Zumindest empfängt uns hier schon ein tiefblauer Himmel, jedoch auch ein frischer Nordwind.
Über die N 7 begleiten wir oft in Sichtweite den Fluss.
Noch vor Valence dann ein bemerkenswertes Bild:


Ein Kraftwerk am Fluss und vor seinen Naturzugkühlern Windräder zur Stromerzeugung!
Die exakte Ausrichtung der Windräder nach Norden verweist auf die Quelle der neuen Energie: den oft mit unangenehmer Stärke aus Norden durch das Rhônetal blasenden kalten Mistral.
(Da über dem Golf v. Biskaya bzw. SW-Frankreich häufig Hochdruckgebiete liegen – aus Hochdruckgebieten weht der Wind auf der Nordhalbkugel im Uhrzeigersinn heraus -, Tiefdruckgebiete über der Schweiz, S-Deutschland und über dem Golf v. Genua gegen den Uhrzeigersinn Luft ansaugen, entsteht an der Grenzlinie dazwischen, dem Rhônetal, eine regelrechte Düse mit diesem kalten Nordwind.)
Für die vor uns liegenden 6 Wochen sollte diese Wettermaschine uns, abgesehen von 3, 4 Starkregen-Tagen, den erwarteten blauen Himmel schenken.

8 km hinter Orange verlassen wir die N 7, fahren über die D 950 bis Sarriens und erreichen dann auf der D 55 nach ca. 600 km unser 1. Etappenziel Aubignan
http://www.tourinfos.com/de/r0021/d0084/m0003/p001639.htm


Den örtlichen Campingplatz „Intercommunal du Brégoux“ http://www.camping-lebregoux.fr/01/0101.php kennen und schätzen wir schon seit Trolli-Zeiten: ein sehr gepflegter, komfortabler und angenehmer Platz zu annehmbaren € 12,- pro Tag. Hier erwarten wir in den nächsten Tagen unsere Freunde aus MS, mit denen wir seit langem große Fahrten unternehmen.

In diesem Landstrich zwischen Rhône und den sanft ansteigenden Hängen der Dentelles-de-Montmirail am Fuße des Mont Ventoux werden u.a. die von uns sehr geschätzten Rhône-Weine in höchster Qualität erzeugt: die tief dunkelroten Vacqueyras


und die Gigondas, die sich durchaus messen können mit den noblen Châteauneuf, oder aus unserem Nachbarort Beaumes-de-Venise der leckere aromatisch süße Muskat, ein vorzüglicher Aperitif.
Wir nutzen diese ersten Tage, um noch bei Winzern unsere leeren Depots aufzufüllen.

In Gigondas steigen wir natürlich auch auf zur Kirche aus dem 11. Jh mit ihrem zentralen Glockenturm, der zusätzlich flankiert wird von einem Campanile mit dem charakteristischen provençalischen Glockenkäfig und einer Sonnenuhr.


In der noch etwas höher gelegenen Burgruine hat sich ein Künstler eingerichtet, dessen stets wechselde Installationen wir uns auch wieder ansehen.





Die nächsten Tage unternehmen wir Touren rund um den Mont Ventoux. Führt die Straße einmal nicht an Weinfeldern vorbei, so wechseln Olivenhaine oder auch sehr verbreitet Kirschplantagen sich ab: Zur Zeit erstrahlt das Land unter dem tiefblauen Himmel in sattem Weiß der in voller Blüte stehenden Kirschkulturen.

Auf der Fahrt nach Vaison-la-Romaine lassen wir diesmal das kleine Bergdörfchen Séguret, das sich mit seinen schmalen grob behauenen Häuschen in engen, steilen Gässchen den Berghang hinaufzieht, seitab liegen

und fahren die ehemalige römische Pensionärsstadt direkt an.
Die erst im vergangenen Jahrhundert entdeckte römische Vergangenheit gibt an 2 Ausgrabungsstätten Zeugnis von der frühen Geschichte.


Ein Ruinenfeld mit Resten einer säulenflankierten Einkaufsstraße, gut erhaltenen Grundmauern von Geschäfts- und Wohnhäusern, drei Bäder, mosaikgeschmückte Villen, (Ab-)Wasserleitungen und ein – heute stark restauriertes – Freiluft-Theater,

sowie im angegliederten Museum ausgestellte Kunstgegenstände, Kaiserbüsten, Mosaiken belegen einen erheblichen civilisatorischen Luxus im Alltagsleben, den die wahrscheinlich pensionierten röm. Legionäre vor 2000 Jahren in diese gallische Region brachten, und den die Franzosen heute noch so unnachahmlich kultivieren.

Höhepunkt an diesem Tag ist jedoch auf der Rückfahrt ein Aufstieg in dem malerischen Felsennest Crestet.
Oberhalb der Olivenhaine müssen wir auf halber Strecke unseren Wagen abstellen, jetzt geht es nur noch über enge, verwinkelte Stiegen aufwärts,



an romantischen Winkeln vorbei,




bis schließlich oberhalb der Kirche zur ehemaligen Schlossburgruine der Bischöfe von Vaison.

Von hier krönt ein herrlicher Ausblick bis zum Mt.Ventoux einen Aufstieg mit einigen überraschenden Einblicken.

Die Heimfahrt führt über eine landschaftlich wunderschöne Straße an Malaucène und Suzette vorbei am Fuße der Dentelles de Montmirail entlang.


Es ist dies ein dem Mont Ventoux östlich vorgelagerter, zunächst sanft ansteigender Bergrücken, auf dessen Kamm mehr als 1000 Fels-„Zähnchen“, Spitzchen = die Dentelles, herausragen.
Sie sind entstanden aus einer Kalksteinschicht, die im Erdzeitalter Jura in eine fast senkrechte Position gedrückt wurde und in den folgenden 150 Mill. Jahren zur heutigen bizarren Form erodiert ist.






Nach gut einer Woche zieht es uns weiter auf den uns sehr vertrauten und geschätzten Campinglatz „Municipal les Pinèdes“ in 84120 Pertuis,
http://www.campinglespinedes.com/
Dieser mit 180 Stellplätzen auf 5 ha sehr großzügig angelegte Platz liegt fast schon parkähnlich auf einer Anhöhe über der Stadt.

Wir bevorzugen den lichteren Teil am Rande des Parks, wo wir für unsere beiden Wohnwagen hinter dichten Zypressenwänden Schutz vor dem aus Norden oft unangenehm blasenden Mistral finden.





Der weite Blick über das ausgedehnte Durance-Tal vom Luberon-Gebirge im Norden bis zur allgegenwärtigen Montagne Ste.Victoire im Süden lädt ein zu vielen schönen Touren.

Gleich am Abend unternehmen wir vom benachbarten Ort La Bastidonne einen Abendspaziergang zu den Ruinen der Kapelle Saint-Julien. Die knapp 5 km lange zweistündige Wegstrecke steigt von 330m auf 550m an. Wir merken sofort, dieser Teil der Provence liegt zwischen den Gebirgszügen doch wesentlich windgeschützter als das offenere Rhônetal.
Am Rande des steinigen Pfades überraschen immer wieder Orchideen (Orchis purpurea, Purpur-Knabenkraut),


oder auch solch eine Naturskulptur, gebettet in Rosmarin.


Schließlich im Abenddunst der charakteristische Gebirgszug der Montagne Ste. Victoire.

Am folgenden Tag besuchen wir gemeinsame Freunde aus MS auf dem Campingplatz „Municipal les Rosmarins“ in 13520 Maussane-les-Alpilles: ein ausgesprochen gepflegter, ruhiger Platz mitten im Ort, dessen von hohen Hecken umschlossene vieleckige Emplacements individuelle und nicht sogleich einsehbare Räume bieten.
Zusammen fahren wir anschließend durch die Alpillen


und haben einen Blick auf Les Baux,

dessen Burgruinen über der verlassenen Oberstadt heute kaum noch vom einstigen Glanz des mittelalterlichen Zentrums der Troubadoure und des Minnedienstes künden.

2 km südlich von Fontvieille ein sehr seltenes Zeugnis römischer Industriearchitektur (3.-5. Jh), das „Aquädukt von Barbegal“:


Eine Wasserleitung aus Eygalières teilte sich an dieser Stelle, der eine Strang versorgte Arles mit frischem Quellwasser, während mit dem übrigen Wasser 8 Wassermühlen (gestaffelt in 2 mal je 4) angetrieben wurden.

Die Grundmauern sowie die Lager dieser Mühlen sind deutlich zu sehen – ein Zeugnis schon sehr früher „industrieller“ Produktionsweise.
Mit dem ablaufenden Wasser wurden die in der Ebene gelegenen Getreidefelder bewässert.
Interessant auch die römische Mauertechnik:


Während die Außenfronten des Aquäduktes sauber gemauerten Steinverbund zeigten, bestand der innere Hauptkern des Mauerwerks aus recht wahllos aufgefülltem, aber in Mörtel gehaltenem Felsgeröll.

Auf der Heimfahrt entdeckten wir nahe dem Dorf Eygalières auf einem Kalkfelsen das winzige Kapellchen St. Sixte, das gerade durch seine äußerst schlichte Form in abgeschiedener Landschaft beeindruckt.



#

Das Licht, die Helligkeit des Südens erwecken das Land zu neuem Leben,



ob am Wegesrand schon eine bunte Pracht

oder in den Dörfern die Glyzinien die Hauswände schon erklimmen,

diese Stimmung steckt uns an und macht uns unternehmungslustig.
So machen wir uns als nächstes zu einer kunsthistorischen Kostbarkeit auf, der Benediktinerabtei Ganagobie am Ostrand der Provence, zwischen Manosque
und Sisteron. Auf einem Plateau hoch über der Durance wurde um 1000 ein Kloster gegründet und dem burgundischen Reformkloster Cluny unterstellt


Die einschiffige Kirche mit Spitztonnengewölbe besitzt im Osten ein breit ausladendendes zweischiffiges Querhaus mit 3 Apsiden. Nur wenig Licht fällt durch das moderne Glas der schmalen, rundbogigen Fenster. Die einschiffige Kirche mit Spitztonnengewölbe besitzt im Osten ein breit ausladendendes zweischiffiges Querhaus mit 3 Apsiden. Nur wenig Licht fällt durch das moderne Glas der schmalen, rundbogigen Fenster.

Einziger Schmuck in diesem nüchternen Raum das Fußbodenmosaik im Querschiff und den Apsiden. Aus nur 3 Farben (roter Ziegelstein, weißer Marmor, schwarzer Basalt) erkennt man u.a. neben einer eigenartigen Ornamentik den mit einem Drachen kämpfenden Ritter,

Fabelwesen wie Centauren und Greife

und Kampfelefanten –

alles vielleicht Motive vom Kampf des Guten mit dem Bösen?

Leider kann man den wunderschönen Kreuzgang an der Südseite nicht betreten.



Zu dem insgesamt kargen, schmucklosen Erscheinungsbild steht in starkem Kontrast die reich gegliederte Westfassade mit ihrem Stufenportal.



Zwischen dreifach getreppten Gewänden mit gekehlter Kante stehen auf sehr hohen Sockeln jeweils 3 Säulen mit korinthischen Kapitellen.

Der Türsturz zeigt ein Relief mit den 12 Aposteln; nur Petrus ist am Schlüssel zu identifizieren. Der spitzbogige Ausschnitt darüber zeigt eine „Majestas Domini“, wie sie vor romanischen Portalen in Frankreich oft zu sehen ist.
Etwas makaber vielleicht: Seitlich im Grase des Eingangsbereichs mehrere Reihen ausgeräumter Steingräber.


Dafür befreit der Blick vom Rande des Plateaus über die Durance bis hin zu den schneebedeckten Seealpen.



(Teil 2 folgt)


Salut

Campino

Campino

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#2 von HD , 22.05.2008 12:24

Salut Campino - Chapeau!!! -oder eben HD's höchstes Lob. Ein toller Reisebericht. - Einiges kenne ich, einiges nicht - und wenn ich mir mal richtig Zeit für die Provence nehmen kann, werde ich Deinen Bericht mitführen. Ja, das ist das Reisen, wie auch ich es liebe, mit liebevollem Blick aufs Detail, auf Strassen, die nicht nur Verbindung sind, sondern Land und Leute "erfahren" lassen.
Auf Deinen 2. Teil kann man nur gespannt sein.
Eine wunderbare Feiertagslektüre - Danke dafür!
Gruss von der Saar und von HD

 
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RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#3 von Hugo21 ( gelöscht ) , 22.05.2008 12:47

Hallo Campino,

ein sehr schöner Reisebericht, freue mich drauf in Teil 2 weiter mit zu reisen.

Hugo21

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#4 von Tenere ( gelöscht ) , 22.05.2008 13:09

Hi Campino,
dein sehr schöner Reisebericht hat mir meinen Arbeitstag sehr versüßt.

Danke Ulf

Tenere

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#5 von Rod , 23.05.2008 09:49

Hallo Campino,

Luberon, Mont Ventoux ... , da werden Erinnerungen wach. Wenn die Kultusminister nicht mehr unseren Urlaub festlegen, dann folgen wir in einem Frühjahr deinen Spuren. Herzlichen Dank für deinen schönen Bericht, wir freuen uns auf Teil 2.

Beste Grüße, Rod.

 
Rod
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RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#6 von morgenröte , 23.05.2008 09:53

Freue mich schon auf den 2. Teil. So ein Reisebericht ist doch viel besser als jeder Prospekt und da wird im Forum überlegt ob man Berichte schreiben soll für Alle. Davon lebt doch ein Camperforum.

Zwischendurch mal ein paar Urlaubseindrücke und der Alltag ist ein bisschen schöner. Danke.

Gruß Andrea

 
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RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#7 von Campino ( gelöscht ) , 23.05.2008 11:51

Teil 2


Zwischen Montagne du Luberon und Montagne Ste.Victoire




Zu den von mir immer wieder gern besuchten französischen Städten gehört ganz besonders die elegante Universitätsstadt Aix-en-Provence.

Die Atmosphäre hier, das bunte Treiben in den gewundenen engen Straßen



des Altstadtviertels mit den unterschiedlichsten Lädchen, Boutiquen,
Galerien, dazwischen sündhaft teure Dependancen erster Modemacher, plätschernde barocke Brunnen und in jedem sich bietenden schattigen Winkel die Tisch- und Stuhlreihen der Straßencafés. Und immer wieder alte Patrizierhäuser und Adelspalais aus dem 16. bis 18. Jh, der Blütezeit dieser Stadt, als Aix der Sitz des proveçalischen Ständeparlaments war. Zu der Zeit entstanden auch die breiten Prachtalleen wie der Cours Mirabeau. All das hat jedes Mal erneut unwiderstehlichen Reiz.

Als wir nun nach bald 14 Tagen unseren 1. Besuch machten, welch angenehme Überraschung: unmittelbar an der Rotonde, dem Beginn jeden Stadtbummels,




ein neues geräumiges helles Parkhaus, gleich schon mal das Parkproblem gelöst!

Wir schlendern durch das Quartier Ancien,



vorbei am Hôtel de Ville (Rathaus)



und dem einzeln stehenden Tour de l´Horloge, dem Glockenturm mit einer schönen Renaissanceuhr



und darunter einer barocken astronomischen Uhr.



Weiter geht es am ehemaligen Erzbischofspalast vorbei, dessen Innenhof alljährlich der Schauplatz des Festival d´Aix ist, bis zu dem für mich schönsten barocken Stadtpalais, dem Pavillon Vendôme.



Es wurde 1864-67 für den Herzog von Vendôme und Gouverneur der Provence erbaut. Damals noch am Rande der Stadt, in einem symmetrisch angelegten Barockgarten der kubische Gebäudeblock. Er ist in seiner Fassadengestaltung überaus reich gegliedert: 2 wuchtige umlaufende blumengeschmückte Gesimse markieren die 3 Geschosse.
In der Senkrechten unterteilen Pilaster die Front rhythmisch 2:1:2 auf, wobei sie – von unten nach oben – jedes Geschoss mit einer der drei antiken Kapitellformen dorisch, ionisch, korinthisch schmücken.
Die dazwischen liegenden Flächen werden fast vollständig in Fensterflächen aufgelöst. Die Mittelachse markieren flankierende Nischen und Vasen.
Das Portal wird seitlich durch 2 gewaltige Atlantenfiguren sowie großen Vasen und nach oben durch ein üppiges bogenförmig durchhängendes florales Gebinde über dem Eingang herausgehoben.

Auf dem Rückweg zum Cours Mirabeau wählen wir nun die schattenspendenden Platanenalleen.




Hier noch ein eindrucksvolles Patrizierhaus aus dem 17. Jh, dessen Balkon über dem Eingang von 2 mächtigen Atlanten getragen wird.



Während Gebäude des 17. Jh. meist nur einen Balkon über der Eingangstür haben, erkennt man Gebäude des 18. Jh. daran, dass auch sämtliche Fenster mit Balkonen versehen sind.

Endlich auf der Prachtallee Cours Mirabeau!



Hier unter den schattenspendenden Platanen in einer der zahlreichen Café-Terrassen sitzen und bei einem „kleinen Schwarzen“ den Strom der Flanierenden vorbeiziehen zu sehen, das ist immer wieder der schöne Abschluss eines erlebnisreichen Tages.




#


Nach dem vielfältigen Kultur-Erleben in Aix lockt nun eine Wanderung in den einsamen Höhen des Luberon-Gebirges.
Von der kurvenreichen Passstraße D 943 Lourmarin – Apt biegen wir bei der 1. Abfahrt nach Bonnieux links ab und folgen dem schmalen Weg zum Parkplatz des Fôret des Cèdres, dem, wie gesagt wird, größten Zedernwald Europas.
Beim Gang durch den angenehm kühlen Wald beeindrucken uns immer wieder die majestätischen alten Baumriesen.



Schließlich verlassen wir auf einem schmalen Pfad den Wald, nun führt ein steiniger Weg am Kamm des Höhenrückens entlang; mehrfach vorbei an tiefen, unheimlichen Höhlen.



Erstaunlich, wie sich Leben auf schroffem Fels des Roque des Bancs halten kann.


Wir genießen aus 703m Höhe eine prächtige Aussicht, mal nach Norden über Bonnieux auf die Hochebene des Petit Luberon, mal über schroffe Kalkfelsen nach Süden über das Durance-Tal bis zur Montagne Ste.Victoire.




Und dann eine unbeschreibliche Entdeckung: unter uns schweben im Aufwind einer Felswand 2 Steinadler, deutlich an den hell gefingerten Flügelspitzen zu identifizieren (leider auf dem Foto nicht mehr zu erkennen), dann kreisen sie gravitätisch ab und verschwinden in einer Schlucht!



#

Tags darauf fahren wir noch einmal die Passstraße D 943, die sehr kurvenreich dem tief eingeschnittenen Flüsschen Aigue Brun folgt. Über Buoux erreichen wir den malerischen winzigen Bergweiler Sivergues. An den Ständen eines gerade abgehaltenen Bauernmarktes finden wir noch einiges an leckerer Stärkung für unsere Wanderung. Selbst hier ganz abseits spiegelt ein überreiches farbiges Angebot die Vielfalt provençalischen Lebensgenusses wider.






Ein vor Urzeiten „gepflasterter“ Abstieg (wer musste sich hier so quälen?)



führt uns steil hinab zum Quellgebiet der Aigue Brun.



Nach einem Picknick wollen wir ihr heute eine Strecke – diesmal auf unterster Sohle – folgen.
An senkrechten Felswänden vorbei,



oft teilweise auch darunter her, schneidet sich der Weg immer tiefer ins Gebirge.



Wie lange wohl schon strebt dieser oberschenkeldicke Efeu hinauf zum Licht?



Etwa 500m vor Erreichen der Passstraße D 943 führt der schmale Weg hier in der Wildnis über eine eigenartige Brücke:


Seitlich eine riesige strahlenförmige Muschel – doch ohne konstruktive Funktion?
Es heißt, dies sei eine Römerbrücke.
Wenn man aber eine aufgehende Sonne hineininterpretiert, könnte es nicht auch auf die vorreformatorische Glaubensgemeinschaft der Waldenser hinweisen, die im Süden Frankreich Rückzugsgebiete hatten? Als Glaubensbotschaft „lux lucet in tenebris“ – frei übersetzt „Im Dunkel leuchtet das Licht“ hätte es auch einen Sinn.


6 km nördlich vom nahen Bonnieux dagegen gibt es tatsächlich eine Römerbrücke, die Pont Julian.



Diese Steinbogenbrücke über den Calavon war Teil der im 1.Jh v.Chr. gebauten ersten römischen Fernstraße, der Via Domitia, die Italien mit Spanien auf dem Landweg verband.
Die mittlere Bogenspannweite beträgt 16m, die mittleren Brückenpfeiler sind von großen Bogenöffnungen durchbrochen, um bei Hochwasser die Angriffsfläche zu verkleinern.


#

Während unserer Fahrten treffen wir hier im Süden immer wieder auf kleine halbkuglige, bienenkorbartige Steinbauten, die Bories.



Auf kreisförmigem Grundriss sind flache, rohe Feldsteine in Trockenmauerwerk (ohne Mörtel) aufgeschichtet; die Dachkuppel wird durch allmählich vorkragende Steinschichtung erreicht.



Sie dienten der zeitweiligen bzw. provisorischen Unterkunft von Hirten, Landarbeitern u.ä.

In Gordes



gibt es eine ganze „Village des Bories“. Sicher hat es noch im 19.Jh hier sogar einige bewohnte Bories gegeben; uns erscheint aber diese Ansammlung etwas zu museal; war hier aus einem heimatpflegerischen Präsentationswunsch heraus vielleicht etwas zu sehr erweitert worden?
Allerdings lohnt ein Besuch in dem Gordes überragenden Renaissance-Schloss: Hier hat Victor Vasarely eine ständige umfangreiche Ausstellung seiner Werke eingerichtet.




Nur wenige km nördlich liegt die berühmte und vielfach abgebildete Zisterzienserabtei Senanque



Hier setzten Zisterzienser die auf Einfachheit und Klarheit gerichtete Klosterreformbewegung Bernhards von Clairvaux ganz besonders ausdrucksvoll um. Damit sollte um 1100 dem prunkvollen verweltlichten, nach außen gerichteten Lebensstil à la Cluny durch Reduktion auf Schlichtheit, Demut und Askese begegnet werden.
Sowohl Kirche als auch Klostergebäude drücken diese allem schmückenden Beiwerk abholde Einstellung der Zisterzienser eindrucksvoll aus. http://www.senanque.fr/
Allerdings widerspricht dem doch sehr der Tourismusrummel mit Verkaufsräumen, ja sogar einer Hotel“erweiterung“ im Außenbereich – schade.


#

Ganz in der Nähe von Apt, 10 km östlich, gibt es in den Ockersteinbrüchen „Colorado provençal“ bei Rustrel ein besonderes Naturschauspiel zu bestaunen. Wie in einer unwirklichen Welt bewegt man sich zwischen phantastisch bis skurril geformten buntfarbigen Felsformationen















Hier wird – wie im Mittelalter – tatsächlich noch während der wasserreichen Wintermonate der ockerhaltige, sehr weiche kreidige Sandstein abgebaut und zerkleinert. Durch Wasser aus Bächen schwemmt man die feinen Farbpartikel aus und lagert sie in Auffangbecken ab. Nach dem Abtrocknen der Kruste erhält man, je nach Abbaustelle weißen, gelben, orangenen, braunen bis rot-violetten Farbgrundstoff. Hier also ist immer noch, trotz DuPont und anderer chemischer Weltfirmen, eine ursprüngliche Quelle für die in ihrer Farbigkeit so beeindruckenden proveçalischen Dörfer übriggeblieben.


#

Nach so viel Farbe zum Schluss zwei ganz versteckte Kleinode.
Da liegt zunächst an der Straße D 3 von Bonnieux nach Ménerbes, gleich hinter Lacoste die „Prieurie de Saint-Hilaire“, eine ehemalige Karmeliter-Abtei mit sehr wechselvoller Geschichte, heute in Privatbesitz und auf dem Wege liebevoller Restaurierung.



Schon im frühen Mittelalter hatten sich in den Höhlen an den wind-(Mistral-)geschützten, quellenreichen Hängen des Luberon Eremiten niedergelassen.
So soll auch hier die Keimzelle eine Einsiedelei gewesen sein.



Ein Grabstein von 1254, gefunden im Kreuzgang, weist auf den Karmeliterorden aus Palästina als Begründer des Klosters hin.



Das Auf und Ab einer wechselvollen Geschichte und mehrere Besitzerwechsel erspare ich mir; die heutigen Eigentümer, ein Ehepaar aus Reims, arbeitet z.Zt. an der Ausgestaltung eines „Ägyptischen Gartens“, in dem das Wasser einer Quelle in raffinierter ausgeklügelter Weise – und mehrfach bezugnehmend auf den orientalischen Ursprung dieser Karmelitergründung – durch unterschiedliche Bereiche schließlich in einen Forellenteich geführt wird.



Der Oliverhain von Saint-Hilaire.


#

Unsere Liebe für die Provence entstand vor 15 Jahren während unserer ersten Camping-Aufenthalte in Cucuron. Zwei Kilometer entfernt das Örtchen Vaugines. Hier steht eine der für mich charaktervollsten und urtümlichsten, ungekünsteltsten Sakralbauten, die kleine Kirche von Vaugines.





Nicht umsonst hat sie der Regisseur Claude Berry in 2 Verfilmungen von Marcel Pagnols „Jean de Florette“ und „Manon des Sources“ mit Yves Montand, Gerard Depardieu, Daniel Auteuil als Schauplatz eindrucksvoller Szenen gewählt.



Blick aus dem Glockenstuhl.
Gibt es ein bunteres Farbspiel von Dachpfannen?
Gibt es ein vielfältigeres Spiel der Facetten der Provence?




Salut

Campino

Campino

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#8 von beisl01 , 23.05.2008 12:43

Hallo Campino,

danke für Deinen Reisebericht. Insbesondere die Ausführungen zum Luberon weckten Erinnerungen an einen wunderschönen Urlaub dort.

Bonnieux, Menerbes, Cucuron, Apt, Gordes unsoweiter, alle diese Namen prägten sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein.

Dank dafür, dass Du uns an dieser Reise hast teilhaben lassen.

 
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RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#9 von morgenröte , 23.05.2008 17:17

Campino, du hast die ja viel Arbeit gemacht für uns.

Die Bilder sind traumhaft und ich habe beschlossen die Bücher von Peter Mayle wieder zu lesen. Wenn wir mehr Zeit haben, werden wir uns dort auch umsehen.

Gruß Andrea

 
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RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#10 von HD , 23.05.2008 19:58

Danke, campino für den 2. Teil - Du weisst ja, Du brauchst einen Überzeugten nicht zu überzeugen. Gott wohnt eben in Frankreich.
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Gruss HD

 
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RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#11 von Pappabaer , 23.05.2008 22:49

Hallo Campino,

toller Bericht...einige Ecken hab ich selbst schon besucht...anderes einfach wohl übersehen....werde beim nächsten Besuch dort genauer hinschauen...

gruß gerold

 
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RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#12 von steyr ( gelöscht ) , 24.05.2008 23:14

Danke Campino für diesen schönen Reisebericht , in zwei Monaten rollt Steyr auch in der Gegend rum und die Vorfreude ist nun noch grösser .

steyr

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#13 von Rolf ( gelöscht ) , 25.05.2008 20:40

Hallo Campino!

Danke für deinen tollen Reisebericht, einfach klasse! Er weckte tolle Erinnerungen, da wir vieles davon auch schon besucht haben. Da wir nun mal von den Schulferien abhängig sind, bleiben uns nur jeweils 10 Tage, folglich würden wir mindestens 4 (!!!) Urlaube brauchen, um das alles zu sehen.

Gruß
Rolf

Rolf

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#14 von steyr ( gelöscht ) , 26.05.2008 11:37

Mich hat Campinos Reisebericht mit den schönen Fotos nicht losgelassen und deshalb habe ich mir eben die beiden Filme "Das Schloss meiner Mutter" und "Der Ruhm meines Vaters" bei amazon bestellt . Diese wunderschöne Geschichte in zwei Teilen sollte ein Frankreich Liebhaber und besonders ein Provence "Besessener" unbedingt gesehen und in seiner Film oder Buchsammlung haben .

Hier eine Rezension von Martin Ostermann

... wie in diesen beiden Filmen. Sowohl der "Ruhm meines Vaters" als auch "Das Schloss meiner Mutter" schildern Kindheitserinnerungen des französischen Schriftstellers, Bühnen- und Filmautors Marcel Pagnol, die das bescheidene, aber harmonische Leben seiner Familie um die Jahrhundertwende nachzeichnen.
Im Mittelpunkt des ersten Teils stehen die idyllischen Ferien im Hochland der Provence. Marcel, der Junge aus der Stadt, entdeckt mit seinem neuen Freund, dem Bauernsohn Lili, die Geheimnisse des Hochlandes und der Zuschauer taucht mit ein in die Atmosphäre flirrender Sommerwiesen und angenehm kühler Nächte, entdeckt Höhlen in den Felsmassiven und genießt das geruhsame Leben des Bergdorfes. Sommer wird zum Synonym für Freiheit, Idylle, Geheimnis und Abenteuer, wie es nur die (unbeschwerte) Kindheit bietet. Den Ruhm des Vaters gilt es dann nach einer mit Spannung erwarteten Fasanenjagd zu bestaunen.
Im Mittelpunkt des zweiten Teils stehen Marcels erste große Liebe und die sich daraus ergebende Enttäuschung sowie die Einsicht, dass "Männerfreundschaften" wichtiger als Liebeständeleien sind. Auch wenn die kleine Isabel sicher ganz neue Geheimnisse zu erschließen weiß, so muss Marcel doch einsehen, dass sie ihn nicht als Gleichwertigen behandelt und kann am Schluss zu seinem treuen Lili zurückkehren.
Überschattet werden die sonnendurchfluteten Tage durch eine demütigende Erfahrung durch einen der Schlosswächter und den am Ende stehenden Tod der Mutter. Im Rückblick bleiben jedoch die Erinnerungen an wundervolle Sommertage bestehen, die so viel Sonne in das Herz haben tragen können, dass es ein ganzes Leben lang davon zehrt.
Sommer- und Kindheitsbilder, an denen man sich nicht satt sehen kann, wunderschön fotografiert und von leisem Humor getragen.
Sehr Sehenswert!

steyr

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#15 von Campino ( gelöscht ) , 26.05.2008 15:00

Gratuliere, Steyr, zu Deiner Bestellung.
Dein Tip passt genau. Die beiden Filme wirst Du genießen; u.a. die Begegnung des Jungen (Marcel Pagnol) mit dem Adler sind unvergessliche Bilder.
Gruß aus dem Münsterland
Campino

Campino

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#16 von piefke ( gelöscht ) , 27.05.2008 15:58

Hallo Campino,
ein sehr schöner Bericht. Er zeigt uns, dass die Provence nicht nur südlich und (süd-)westlich der Durance existiert, sondern auch dort, wo ihr gewesen seid. Wir danken dir für die viele Arbeit, die du dir gemacht hast, und dass du darüber noch nicht einmal das Fotografieren vergessen hast.
Mit (ja, doch) neidischen Grüßen
piefke

piefke

RE: FACETTEN der PROVENCE - Teil 1 und 2

#17 von sunshine , 27.05.2008 17:48

Hallo Campino,
endlich habe ich Zeit gefunden, deinen tollen Provence- Bericht zu lesen und die schönen Fotos zu genießen. Danke dir dafür!

In die Provence habe ich mich als junges Mädchen verliebt.
Nachdem ich zwei Bücher Marcel Pagnols gelesen hatte, wollte ich unbedingt dorthin.
Und seither zieht es mich immer wieder in die Provence.

 
sunshine
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