RE: Weihnachten 2006 / Sylvester in Mayrhofen

#1 von Wintercamper , 29.03.2007 13:08

Weihnachten 2006 / Sylvester in Mayrhofen

Ja, nun trau´ ich mich endlich und bekenne: Ich bin ein WEIHNACHTSMUFFEL. Mir gelingt kein romantisch verklärter Blick auf die blinkende hightech Vorgartenbeleuchtung sämtlicher Nadelgehölze meiner Nachbarn. Ich entwickle keine umtriebliche Hektik wegen der Beschaffung passender Weihnachtsgeschenke. Auch die von der verheuchelten Geschäftswelt ab Oktober installierte Kaufhausmusik will bei mir keine angemessene Besinnlichkeit aufkommen lassen. Das saisonal gebundene plötzliche Interesse an der Dritten Welt imponiert mir nicht wirklich, und auch nicht die alljährlich wiederkehrende „Christlichkeit“ kann ich infolge der heidnischen Wurzeln der gesamten Chose nicht nachvollziehen.(Ich bitte den aufgebrachten andersdenkenden Leser, den satirischen Unterton der bisherigen Abhandlung nicht zu übersehen…)

Das SCHLIMMSTE an allem aber ist der Einladungsmarathon über alle freien Tage: Scharf angebratene Fleischmassen bei der einen Oma, Gänsebraten – dazu schwere Gemüse und Rotwein - bei der anderen Oma, nachmittags Tante Irmgards Grillagetorte (die mit extra Sahne) und abends noch mal ein paar „Häppchen“ („Komm, Jung, EIN Schnitzelchen kannst du doch noch vertragen…“ – und KEINE Chance den gutmeinenden Tätern zu entkommen!!! Nach mehreren aufeinanderfolgenden Tagen dererlei Besinnlichkeit fühle ich mich unwohl aufgebläht, trotz andauernder Bewegungslosigkeit wird die Atmung flach, unwillkürlich fasse ich mit meiner Hand zu dem stechenden Schmerz in der linken Brust…….

Wie ich aus dem Albtraum aufwache, kommt mir die rettende Idee: DIESES Jahr fahren wir mit unserem Wohnwagen einfach in die Berge! Vitale Bewegung an frischer Luft statt Fressorgien – Apres-Ski-Mucke im Schnee statt allways DREAMING of a white christmas! Ja, DAS wäre die Lösung!!!

Die allgemeinen Proteste sind schnell vergessen („WIE ihr seid nicht da?????“ während wir uns auf der völlig leeren Autobahn mittags, 24.12., Richtung Süden bewegten. Unser Etappenziel heißt Brannenburg vor der österreichischen Grenze. Von hier aus ist am nächsten Tag nur noch eine Strecke von etwa 100 km zu fahren, so dass man zur erstmöglichen Bezugszeit am Campingplatz ist. Die deutsche Seite haben wir gewählt, weil wir in Österreich außerhalb von Campingplätzen nicht übernachten dürfen.

In Brannenburg gegen Abend angekommen (die ersten Bescherungen dürften schon stattgefunden haben), haben wir zunächst erfolglos nach einer schönen Nebenstraße mit einem ruhigen Standplatz gesucht. Nach einigem Hin- und Her fanden wir einen größeren Parkplatz vor dem alten Bahnhofsgebäude. Einem Schild zufolge ist dieser für Bahnpendler und für die dort ansässigen Zeugen Jehovas gedacht. Nun – die einen dürften sich für heute frei genommen haben und die letztgenannten feiern kein Weihnachten. Kurzum: Der Platz war wie für uns geschaffen – völlig leer und friedlich.

Heizung an – die Temperaturen sanken in den letzten Stunden langsam aber sicher auf unter Null – und die Kurbelstützen runter. Leider ist es mir dabei zum DRITTEN Mal in diesem Jahr gelungen, eine der Gewindeblöcke der Kurbelstützen kaputtzudrehen. Inzwischen sind damit alle ausgwechselt. Haben die Dinger eigentlich eine definierte Lebensdauer???

Schnell wird´s im Wohnwagen mollig warm, und was die Truma nicht schafft, vermittelt die mitgebrachte heiße Linsensuppe mit viel Kasseler – nicht nur ein „Spazialrezept“ der Bordfrau, sondern auch ein tolles Menü für Heiligabend, nicht wahr….oder was!? Wie soll man der Nachwelt nur vermitteln, WIE gemütlich man in Brannenburg am Bahnhof bei Kerzenlicht sitzen kann! Sich den Rotwein zu Kopf steigen lassen, diverse mitgebrachte Päckchen entkleiden und sich auf ein paar bevorstehende Skitage freuen… Es sollte schon noch das ein oder andere Fläschchen „Rosso di Montalcino“ dauern, bis das Licht in unserem Wohni endgültig verloschen war: Frohe Weihnachten!!!



Der neue Tag beginnt zunächst mit minus 7,5 Grad. Man atmet eine herrliche klare Luft, wenn man mit seiner dampfenden Tasse Kaffe vor die Tür geht. Von hier aus sieht man das Alpenpanorama wunderschön, im Klimaerwärmungswinter sind die meisten Gipfel beängstigend kahl. Ob wir überhaupt Schnee haben werden???

Die Fahrt durchs Zillertal ist ebenfalls wunderschön. Trotz der kurzen Etappe beschleicht mich unterwegs die Angst, dass uns das Wasser im Wohni einfrieren könnte. Eine unbegründete Sorge, wie sich herausstellte, denn die Temperatur im Innenraum hat sich in den 1,5 Stunden Fahrzeit nur bis auf 10 Grad gesenkt.

Im Camping „Kröll“, Mayrhofen, werden wir sehr nett empfangen (. Ich frage mich zunächst, ob man bei der Anmeldung vom Chef so gelbe Schilder bekommt, die man an den Fahrzeugen befestigen muss, denn ALLE Fahrzeuge haben hier gelbe Schilder….. na ja, fast alle…

http://www.alpenparadies.com...g/index.php

Die uns zugewiesene Parzelle hat tatsächlich, wie versprochen, einen eigenen Abwasseranschluss sowie einen Trinkwasseranschluss. Wie man Trinkwasser bei minus 8 Grad zapfen kann??? Das Ganze funktioniert wie ein Feuerwehrhydrant. Das eigentliche Ventil liegt ein Meter unter der Erde und wird von oben mittels Handrad geöffnet. Dreht man es wieder zu, fällt die Wassersäule automatisch wieder ab und zieht Luft in die Leitung. Natürlich kann man so nur über Kannen Wasser nachfüllen, ein Schlauchanschluss würde nicht funktionieren. Aber aufgrund der Nähe ist das schon komfortabel.
Nah hat man im übrigen ALLES an den Parzellen des Camping Mayrhofen – vor allem die Nachbarn! Nie habe ich kleinere Parzellen erlebt als hier. Zwischen Deichsel und Nachbarwohnwagen hatten wir ganze 20 cm zum durchschlüpfen…





Gegenüber bestand die Reihe aus vermeintlichen Dauercampern. Vermeintlich deshalb, weil unser freundlicher Nachbar mir während der Begrüßung seine Zugehörigkeit zu einer mir bis dato unbekannten Camperspezies erklärt: Fast alle hier sind SAISONCAMPER. Das heißt, der Aufenthalt beschränkt sich im Regelfall auf 3 bis 4 Monate Wintersaison. Man sieht sich auf keinen Fall als Dauercamper – nee – DAS wäre fast ne Beleidigung! Und ICH dachte doch nur irrtümlich wegen der weihnachtsbeleuchteten Gartenzwerge…

Der Aufbau des neuen Wintervorzeltes gestaltet sich als äußerst unproblematisch. Auf Abspannungen verzichte ich infolge der eingeengten Grundstücksgrenzen weitgehend, das Zelt steht aber auch so ganz prima. Es ist das erste Mal, dass wir im Winter mit Zelt fahren. Im nachhinein hat es sich auch gelohnt, denn so konnten wir unsere Skier nachts dort abstellen. In der Weihnachtssaison ist der Skiraum des Camps derartig überlastet, dass wir dort nur unsere Schuhe aufgehängt haben.

Vom Platz aus kann man das schöne Dorf Mayrhofen gut zu Fuß erreichen. Für unsere Tochter musste ein Snowboard nebst Kurs gebucht werden, was infolge der Fülle an Angeboten kein Problem darstellt. Eine Schule mit Verleih befindet sich unmittelbar neben dem Camp, was die Tauscherei erheblich vereinfacht. Ein Skibus fährt ebenfalls direkt vom Camp aus zu allen wichtigen Stationen. Somit können auch alle Einkäufe hervorragend mittels Skibus organisiert werden. Wir haben unser Auto während der 7 Tage nicht einen Millimeter bewegt – was auch infolge der Platzenge durchaus sinnvoll sein dürfte.

Nach dem Orientierungsrundgang durchs Dorf, Skikurs- und Passkauf („Zahl´ und sei fröhlich!“ haben wir uns ein Abendessen im Campingrestaurant gegönnt. Der Inhaber steht selbst hinter dem Tresen und verbreitet gute Stimmung. Die Speisen sind zünftig und reichhaltig. Die etwas „lärmige“ Mentalität des durchweg temperamentvollen niederländischen Publikums muss man allerdings mögen… wir fühlen uns hier pudelwohl!

Die erste Nacht war leider kurz. Klar – man muss Verständnis haben, wenn das benachbarte Wohnmobil morgens um 5 seinen Diesel vor der Abreise eine Viertelstunde vorlaufen lassen muss… Schließlich will der Mann ja auch mit warmem Motor nach Hause fahren! Gute Reise! Bloß weg mit dir!

Selbstverständlich leidet die Qualität der ADAC-prämierten Sanitäreinrichtungen unter der Vollbelegung des Platzes. Unterm Strich darf ich jedoch behaupten, dass das Reinigungspersonal schon ein kleines Wunder vollbringt, die Anlagen immer in einem guten Zustand zu halten. Die Sauberkeit ist völlig in Ordnung, der Duschablauf schafft in Stoßzeiten gelegentlich die Wassermengen nicht. Wartezeiten müssen leider hingenommen werden. Lange Rede, kurzer Sinn: Der ADAC Prüfer sollte mal die Empfehlung einer minimierten Platzbelegung ins Auge fassen!
Das campingeigene Freibad sowie die Sauna haben wir – eigentlich völlig untypisch für uns – nicht benutzt. Wir hassen Menschenaufläufe in zu kleinen Anlagen, ein Tribut, den man in dieser Saison zollen muß!



Im Skigebiet erwarten uns zwei erfreuliche Überraschungen. Zum ersten ist die Schneelage dank Kunstschnee und ein bisschen Neuschnee ganz hervorragend! Super präparierte Pisten bei strahlendem Sonnenschein bieten beste Möglichkeiten, seinem Hobby zu frönen. Zum zweiten ist es im gesamten Skigebiet nicht so voll wie erwartet. Von Nadjas Skilehrer erfahren wir, dass die „Hammerwoche“ noch kommt: Ab Sylvester! Um es vorweg zu nehmen: Vom Sylvestertag an schaffte es unser Campingwart tatsächlich, noch eine angrenzende Obstwiese mit zusätzlichen Campern zu bestücken! Die Auffahrt auf den Berg über die Penkenbahn verlangt einem die Geduld von über einer Stunde Wartezeit ab! Wir sind an „diesem unserem letzten Tage“ auf die Horbergbahn ausgewichen, die sich mit dem Skibus erreichen lässt. Dennoch – meine Empfehlung: Hände weg von der ersten Januarwoche!!!



Das Skigebiet stellt keine großen Ansprüche. Einzige Herausforderung an gute Fahrer ist die „steilste Abfahrt Österreichs“, die sogenannte Harakiri. Dieses Jahr kann man sie infolge des wenigen Schnees nur morgens befahren. Nach 9:30 Uhr haben die oft ungeübten Fahrer (klar, dass jeder richtige Jung auf der Harakiri gefahren sein MUSS – auch wenn er´s eigentlich gar nicht kann…), durch „Abrutschen“ die Strecke weitgehend ruiniert. Die Piste ist tatsächlich so steil, dass die Pistenfahrzeuge mittels Seilwinde hochgezogen werden.
Für meine Tochter und ihrem Snowboardkurs ist das Skigebiet Mayrhofen einfach klasse! Man kann es wirklich jedem empfehlen, der sich mit dem Gedanken trägt, Skifahren zu lernen! Prädikat: Familienfreundlich!

Beim Aprés-Ski hört die Familienfreundlichkeit leider auf. Emfindliche Gemüter dürften sich beim Genuss der letzen Sonnenstrahlen auf der Terrasse der „Elch-Bar“ sehr wundern, welchen moralischen Tiefstand musikalische Unterhaltung erreichen kann… Der Begriff „schamverletzende Weise“, den man sonst nur von lodenmanteltragenden älteren Herren, „neulich im Stadtpark“, kennt, bekommt hier eine neue Dimension!

Insgesamt haben wir eine wunderschöne Woche mit Sonne, Schnee und viel Bewegung erlebt. Einen Tag haben wir uns (kostenlos!) vom Skibus bis nach Hintertux mitnehmen lassen. Klar, so ein Gletscherskigebiet mit seinen gigantischen Pisten ist dann schon ein Megakontrast zu den beschaulichen Hängen in unserem Heimatgebiet. Der Skipass ist hier voll gültig und der Ausflug auf den etwa 25 km entfernten Gletscher sehr empfehlenswert!

Nach dem bereits erwähnten überfüllten Sylvestertag wurden wir durch eine gigantische Sylvesternacht entschädigt! Es empfiehlt sich, für diesen Abend Restaurantplätze im Ort vorzubuchen. In der Nacht geht zwischen den Bergen ein Feuerwerk ab, wie ich es in dieser Art noch nicht gesehen habe! Unseren Heimweg haben wir nicht allzu spät angetreten, ging es doch am Neujahrstag wieder heim. Noch ein Glas Sekt mit den netten „Saisoncampern“ und ab ins Bett.

Die Rückreise durch einen menschenleeren Neujahrstag machte überhaupt keine Probleme.

Unser einziges Problem: WIE den Omas erklären, dass wir für nächstes Jahr schon wieder gebucht haben…???

Die 7 Tage Camping haben uns übrigens inkl. Strom und NK Eur 173,- gekostet.

 
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RE: Weihnachten 2006 / Sylvester in Mayrhofen

#2 von wollfröschin ( gelöscht ) , 29.03.2007 13:53

Ein sehr schöner Reisebericht Wintercamper... :lough2

Es hat mir sehr viel Spaß gemacht ihn zu lesen... Da hattet ihr doch eine sehr schöne Zeit... das ermutigt mich doch weiter daran festzuhalten, das wir dieses Jahr Weihnachten auch mit dem Wohni auf Tour gehn!!!

Danke für diesen sehr schönen Bericht.

Grüße us Kölle von der Fröschin

wollfröschin

RE: Weihnachten 2006 / Sylvester in Mayrhofen

#3 von sunshine , 29.03.2007 13:58

Oh, schön, Andreas - ein Reisebericht mitten im März!

Zwar bin ich in unserer Familie und auch in unserer Clique der einzige "Nicht- Wintersportler", habe aber dennoch deinen Bericht mit großem Vergnügen gelesen. Danke dafür, du hast mir den Tag versüßt.

Weihnachtsfluchtpläne hatten wir auch mal und dazu ein äußerst günstiges Angebot eines Ferienhäuschens in der Bretagne (gehört einer Kollegin) - aber unsere Kinder haben sich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt.
Die wollten den Tannenbaum mit Geschenken darunter, das leckere Weihnachtsessen, ihre Freunde in den Ferien - das volle Programm eben...

 
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RE: Weihnachten 2006 / Sylvester in Mayrhofen

#4 von HD , 29.03.2007 14:13

Guter Bericht, Andreas, kurzweilig und spannend zu lesen.
Aber, Andreas, Du weisst es von mir - begegnen werden wir uns dort nicht, ich campe nicht im Winter, zumindest nicht in den angesprochenen Regionen - Süditalien, Südspanien, das wär einmal eine Überlegung wert.
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RE: Weihnachten 2006 / Sylvester in Mayrhofen

#5 von morgenröte , 29.03.2007 14:43

Mitreisend zu lesen

Wir sind fürher mit unseren Eltern genau zur selben Zeit gefrahren, allerdings in Hotels Fahren kann mam am 24. nachmittags fast alleine und Neujahr ist auch wenig los. Dein Bericht erinnert mich an unsere Weihnachten unterwegs. Meine Jungs allerdings wollen lieber zu Hause bleiben mit Kirche im Dorf und Essen mit Oma.

Skiurlaub mit Wohni haben wir dafür Ostern gemacht, sogar mit begeisterten Kindern. Ostern ist es in den Bergen nicht mehr ganz so voll und die Tage sind wieder länger. Einen neuen Sport erlernen macht Spaß im Urlaub und ist ein sinnvoller Programmpunkt für die Kinder. Auch die Eltern haben dann mal frei, denn den Snowboardkurs macht man nicht mit der Mama

Gruß Andrea

 
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