RE: Tour de Hohenlohe

#1 von beisl01 , 11.09.2006 17:22

Tour de Hohenlohe, das ist eine Reise, die so wie beschrieben nie stattgefunden hat. Wenn ihr wollt, es ist ein virtueller Streifzug durch eine Landschaft, wie sie in unseren dichtbesiedelten Gefilden so oft nicht vorkommt. Hohenlohe ist ja das Land der Burgen und der Schlösser. Wir finden in keinem deutschen Landstrich so viele Burgen und Schlösser so nahe beieinander wie im Hohenloheschen. Der Name Hohenlohe leitet sich ab vom Adelsgeschlecht derer von Hohenlohe, die sich in mehrere Zweige aufteilen und deren Verwandtschaft in viele Fürstenhäuser Europas und bis ins englische Königshaus hin reicht.

Die Hohenloher selbst, es sind keine Schwaben. Sie gehören dem fränkischen Volksstamm an, werden als etwas verschlossen, manchmal eigenbrötlerisch, aber auch als schlitzöhrig beschrieben. Der Dialekt unterscheidet sich erheblich vom sonst bekannten Schwäbischen. Nur in Schwäbisch Hall hat sich nach Ende der freien Reichsstadtzeit und der Zugehörigkeit zum Königreich Württemberg - dem auch damit verbundenen Zuzug von schwäbischen Beamten - ein eigenes Idiom entwickelt, das von den Idiomen der umliegenden Orten sich schon stark unterscheidet.

Am Fuß der Comburg, einer alten Klosteranlage auf einem ehemaligen Umlaufberg des Kochers - heute hat der Fluss einen anderen Lauf -, ist der Campingplatz am Steinbacher See im Ortsteil Steinbach gelegen. Ein hübscher kleiner Platz, parkartig gestaltet, der gut als Quartier für einen längeren Aufenthalt dienen kann.

Die Klosteranlage ist geteilt in Groß- und Kleincomburg. Die große Comburg, umgeben von einer Mauer und vielen Wirtschaftsgebäuden, birgt in der alles überragenden Kirche kunsthistorisch wertvolle Schätze. Am Hauptaltar beispielsweise ist ein Antependium aus romanischer Zeit angebracht, das seinesgleichen sucht. Weiter hat der in der Vierung hängende Kronleuchter einen Durchmesser von - ich weis es nicht so genau auswendig - über 8 Metern. Auch die kleine Comburg ist mit ihrem romanischen Baukörper und den Fresken aus der gleichen Zeit ein Schatzkästlein. Vom Campingplatz aus sind die beiden Comburgen immer einen Spaziergang wert.

Ausgangspunkt unserer Fahrt ist die Stadt Schwäbisch Hall. Natur hat diese Stadt gewiegt - Kunst hat sie gebildet, so schrieb einst die Dichterin Ricarda Huch. Es ist nicht nur das Altstadtensemble rund um den Marktplatz und der St. Michaelskirche mit der 53-stufigen Freitreppe. Auf dieser Treppe finden übrigens jedes Jahr Freilichtspiele statt mit Aufführungen von Theaterstücken und Musicals, die sonst auf Weltbühnen gezeigt werden. Es lohnt also allein deswegen ein Besuch. Die Stadt liegt einem recht tiefen Taleinschnitt. Der Kocher, ein kleiner Fluss der bei Bad Friedrichshall in den Neckar mündet, teilt die Stadt ein in zwei Hälften. Da ist die Vorstadt auf der westlichen Seite des Flusses und das Zentrum mit dem Haalplatz, der früher als Stätte zum Sieden von Salz genutzt wurde, und dem sich anschließenden östlichen Altstadtteil. Salz und Weinhandel waren auch die Säulen des Reichtums der ehemaligen freien Reichsstadt Hall. Die Stadt war so reich, dass ihre Bürger oft den Nürnberger Pfeffersäcken gleichgesetzt wurden. Aber das ist Vergangenheit. Der Wortstamm hala kommt aus dem keltischen und deutet auf Salz hin. Den Beinamen Schwäbisch erhielt die Stadt erst sehr viel später.

Sehr reizvoll zu dem unter Denkmalschutz stehenden alten Sudhaus einer ehemaligen Brauerei ist die von dem dänischen Architekten Henning Larsen entworfene danebenstehende Kunsthalle jenseits Kochens. Jenseits Kochens ist ein stehender Begriff für die westliche Vorstadt. Die Kunsthalle ist kostenlos zu besuchen, außer es finden Veranstaltungen statt, die aber vorher angekündigt werden. In der Kunsthalle werden Bilder, Plastiken und Skulpturen von zeitgenössischen Künstlern aus der Sammlung des bekannten Unternehmers und Mäzen Reinhold Würth in wechselnden Ausstellungen gezeigt. Die Exponate reichen von den Malern wie Max Beckmann, Kirchner, Nolde, Picasso, Miro bis zu den Plastiken von Chillada, Henry Moore, Calder, Caro und anderen Größen der Modernen Kunst.

Wir verlassen Schwäbisch Hall ostwärts auf der Strasse in Richtung Ellwangen. Nach ungefähr 12 km weist uns ein Richtungsschild den Weg nach Vellberg. Vellberg ist ein kleines Städtchen mit einem von einer Stadtmauer umschlossenen Stadtkern mit einem hübschen Marktplatz. Ein Besuch der Gaststätte zum Ochsen mit dem urigen Gastzimmer und dem Angebot an Speisen der Region sollte nicht versäumt werden. Gegenüber von Vellberg liegt auf einem Höhenzug die Stöckenburg, ein ehemaliges Kloster.

Von Vellberg fahren wir über die Dörfer der Haller Ebene, vorbei an Ilshofen nach Kirchberg an der Jagst. Die Jagst ist der zweite Fluss, der die Hohenloher Landschaft maßgeblich bestimmt, und ebenfalls ein paar Kilometer flussabwärts der Kochermündung in den Neckar fließt. Kirchberg bietet mit seinem Schloss und der Orangerie im Schlossgarten einen herrlichen Ausblick ins Jagsttal. Wer will, wandert von Kirchberg aus flussabwärts bis Bächlingen, unterhalb von Langenburg. Der Wanderer findet dann auf den Anhöhen das kleine Schloss Morstein und im Tal die so genannte Reiherhalde. Diese fast bukolische Landschaft ist von Agnes Günther in dem Roman die Heilige und ihr Narr verewigt worden. Reiher finden wir auch heute noch immer wieder in den Flussauen stehen auf der Suche nach essbarem.

Wir fahren auf der Hohenloher Ebene weiter bis Bartenstein. Bartenstein ist das Stammschloß derer von Hohenlohe-Bartenstein. Im Schloss ist ein kleines Militärmuseum eingerichtet mit alten Uniformen und Handwaffen aus einer viel kriegerischen Zeit als der unsrigen. Wer will kann von Bartenstein aus einen Abstecher nach Weikersheim unternehmen. Weikersheim ist zwar schon im Taubertal, das Schloss ist aber auch eine Gründung der Hohenloher. Interessant ist der große Saal des Schlosses. Die Wand- und Deckengemälde zeigen, wie die Leute zur Zeit der Renaissance sich die wilden Tiere von Afrika und anderen fernen Ländern vorstellten. Heute löst das vermeintliche Abbild eines Elefanten doch allgemeines Schmunzeln aus.

Wir wenden uns wieder Richtung Süden um ein Glanzlicht der Hohenloher Landschaft zu sehen: Langenburg. Auf einen Bergrücken hoch über der Jagst ist das Renaissanceschloss mit dem einzigartigen Innenhof. In einem Nebengebäude, dem ehemaligen Marstall richtete Fürst Kraft zu Hohenlohe-Langenburg zusammen mit seinem leider schon verstorbenem Freund, dem bekannten Porsche-Rennfahrer Huschke von Hanstein, ein Automobilmuseum ein. Seltene Fahrzeuge von den Anfängen des Automobils bis zu den ersten Porsche-Rennsportwagen sind in den Ausstellungsräumen präsentiert. Ihm Cafe Bauer gibt's Langenburger Wibele, eine Spezialität des Hofbäckers Wibel. Das lässt sich nicht beschreiben, Wibele müssen einfach ausprobiert werden.

Von Langenburg aus fahren wir immer im Jagsttal über Krautheim bis zum Kloster Schöntal. Die barocke Klosteranlage, eine architektonische Kostbarkeit, ist beeindruckend im Tal am Fluss erbaut. Für das Kloster sollten schon einige Stunden eingeplant werden. Von Schöntal aus geht's nach Jagsthausen. Jagsthausen, die Heimat des Götz von Berlichingen - ja, genau, der mit berühmten Zitat: "er aber sag's ihm, er kann mich..." - hat eine hübsche Burg und ist auch sonst ein nettes Städtchen.

Forchtenberg ist unsere nächste Station auf unserer Tour durchs Ländle. bevor wir aber dort hinkommen, ist der Aufstieg vom Jagsttal aus zu schaffen, um nach queren der Hohenloher Ebene wieder den Abstieg ins Kochertal zu wagen. Forchtenberg ist ebenfalls ein sehr früh gegründeter Wohnplatz, der mit Beginn des Mittelalters befestigt und durch eine Mauer vor Überfällen der durchaus kriegerischen Mitmenschen geschützt werden musste.

Im Kochertal und seinen am Unterlauf befindlichen Nebentälern sind wir jetzt in einem durch Weinbau intensiv genutztem Landstrich. Die Anbaugebiete reichen im Süden bis an die Waldenburger Berge und gehen in die Weinbauregionen um Heilbronn über. Bei den roten Weinen werden insbesondere Trollinger, Lemberger, Schwarzriesling und Samtrot angebaut, die weißen Weine sind hauptsächlich vertreten durch Sylvaner, Kerner, Grauburgunder und - mit Abstrichen - Riesling. Zur Zeit der Weinlese und auch nachher gibt es auf den Anwesen der Wengerter - für nicht Hohenloher Weingärtner oder Weinbauern - die Besenwirtschaften. Bevor der neue Wein in Fässer gefüllt wird, müssen die alten Weine aus den Fässern. Zu früheren Zeiten zeigten die Wengerter dies immer durch einen Besen am First ihres Hauses an, dass Wein und ein kleiner Imbiss, wie Sauerkraut mit Salzfleisch oder etwas anderes Bodenständiges, in der Stube des Bauern angeboten ward. Die Tradition des Besens blieb bis heute erhalten. ein Blick in die regionalen Tageszeitungen genügt, den Reisenden ins Bild zu setzen, wo eine Besenwirtschaft gerade geöffnet ist.

Bis nach Öhringen nicht mehr weit. Feinschmecker kommen auf dem Weg dorthin am Schlosshotel Friedrichsruhe nicht vorbei. Übrigens Quartier der australischen Nationalmannschaft während der WM 2006. Das Restaurant, natürlich auch das Hotel, betreiben die Gebrüder Eiermann. Beide sind ausgezeichnete Köche, die schon in frühen Jahren einen weithin bekannten Gourmet-Tempel errichteten. Leider ist so, dass die Preise nicht reziprok proportional dem Bekanntheitsgrad sind. Eigentlich schade drum...

Öhringen hat ein hübsches Schloss mit einem im Englischen Stil angelegten Schlossgarten. Rund um den Marktplatz mit seiner Kirche sind einige Gaststätten und Restaurants, wo auch gepflegt gespeist und ein Viertel oder auch ein Schoppen (im Hohenloheschen ist das ein halber Liter) Wein getrunken werden kann. Die Autofahrer unter uns sind klar benachteiligt in einem so dem Genießen zugeneigten Landstrich.

Weiter geht's dann nach Neuenstein, das wiederum ein Schloss hat. Diesmal aber eines, das rings von einem Wassergraben umgeben ist. Auch dort ein kleines Museum mit Kleidern, Siegeln und Waffen.

Von Neuenstein nach Waldenburg ist es nur noch ein kurzer Weg. Waldenburg ist der Balkon des Hohenloher Landes. Sein Schloss ist auf dem Ende eines Bergrückens der Waldenburger Berge erbaut. Von den Schlossmauern ist der Blick frei über die Hohenloher Ebene nach Osten ins Fränkische und nach Norden hin. Im Restaurant des Panoramahotels speist der geneigte Leser allerlei köstliche Spezialitäten aus der Region.

Ein Rundgang durch das Freiluftmuseum in Wackershofen - Wackershofen ist ein nach Schwäbisch Hall eingemeindetes Dorf - schließt unsere Rundreise. Das Museum zeigt das Leben der Menschen in der Vergangenheit im schwäbisch-fränkischen Siedlungsraum. Aalte Bauernhöfe, Mühlen, Schulhäuser, ein Bahnhof zeigen die Bauweisen und Einrichtungen der unterschiedlich genutzten Wohn- und Wirtschaftsgebäuden.

Hohenlohe ist ein noch weitgehend unbekanntes Urlauberparadies im Süden unseres Landes. Die Region ist es wert, entdeckt zu werden. Viel Vergnügen auf dieser diesmal aber realen Reise.


 
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RE: Tour de Hohenlohe

#2 von HD , 11.09.2006 20:45

Nun Camperfriends - was sagt Ihr dazu? Da seid Ihr hin und weg.
Dieser Beisl-Bursche kann es, der schreibt Reiseberichte, da komm ich ins Träumen und nehm mir gleich vor, dorthin zu fahren.

Ich hab diesen Reisebschreiber-beisl-Buschen gleich entdeckt, als er sich angemeldet hat und hoffte hier auf Reiseberichte von IHM.

Danke Dir beisl01 für diesen exzellenten Bericht. Hab ihn mir gleich auf meine Reiseberichte 1MB-USB-Stick kopiert. Denn: Wer weis schon was aus Foren wird?
Grüsse von HD


 
HD
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RE: Tour de Hohenlohe

#3 von sunshine , 11.09.2006 21:25

Danke für diesen informativen und anschaulichen Bericht, beisl.

Schwäbisch Hall und die Comburg kenne ich - auf der Comburg finden in unserem Raum Lehrerfortbildungsveranstaltungen statt - man darf dann in einer Art Klosterzelle nächtigen. Deine Ausführungen machen auf jeden Fall Lust, die Ecke dort ausgiebiger zu erkunden.

P.S.:
Dass beisl ein Wohnwagenmodell ist, wurde mir erst letzten Monat klar. In Gien an der Loire stand ein solcher in der Nähe von uns - das warst aber nicht du, oder?


 
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RE: Tour de Hohenlohe

#4 von beisl01 , 11.09.2006 22:33

Zitat von sunshine


Dass beisl ein Wohnwagenmodell ist, wurde mir erst letzten Monat klar. In Gien an der Loire stand ein solcher in der Nähe von uns - das warst aber nicht du, oder?



Nö, sunshine, das war ich nicht. Mai-Juni waren wir in Griechenland, August-September wollten wir in die Tschechei und nach Ungarn. Daraus wurde leider nichts. Gesundheitliche Gründe meiner Frau sprachen gegen eine Reise dorthin. So mussten wir notgedrungen zuhause bleiben.


 
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RE: Tour de Hohenlohe

#5 von beisl01 , 11.09.2006 22:52

Zitat von HD
Dieser Beisl-Bursche kann es, der schreibt Reiseberichte, da komm ich ins Träumen



Also HD, ich bin ganz geniert, wie Du den Bericht einer nicht einmal stattgefundenen Reise über den grünen Klee lobst. Trotzdem, danke dafür.

Das Hohenloher Ländle und Schwäbisch Hall, ja das ist meine Heimat. Heute las ich im Lokalteil unserer Zeitung, dass die Zahl der Touristen, die hierher kommen, zugenommen habe. Leider aber kommen sie nur für eine Tagesreise.

Deshalb habe mal den Versuch unternommen, die Vorzüge und die Schätze meiner Heimat mal in Form eines Reiseberichts zu präsentieren.


 
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RE: Tour de Hohenlohe

#6 von HD , 11.09.2006 23:06

Auch eine virtuelle Reise, wenn sie denn gut recherchiert ist, ist eine interessante Lektüre, beisl. Du wirst Dich sicherlich an Karl May erinnern, auch er bereiste die in seinen Büchern beschriebenen Lande, Landstriche nur aus recherchierten Bereichten - trotzdem lasen wir wohl alle seine Bücher mit Begeisterung.

Wer denn, außer einem Ortskundigen, könnte eine, nennen wir es "Reise",
mit erwähnenswerten Details beschreiben?Du schreibst ja, sie hat nicht stattgefunden, trotzdem findet sie für Dich quasi fast täglich statt, die Orte erscheinen in Deinem Gedächtnis werden bildlich - und wer sich dann die Arbeit macht, diese Bilder mit Landschaften, Details und Strassen zu füllen, beisl, der schreibt einen Erlebnisbericht, es ist eine gedankliche Reise, denn er hat diese Orte erlebt.

Für mich ist es jedenfalls eine schöne Anregung, als Rheinfranke die fränkischen "Brüder" zu besuchen.
Viele Grüsse von HD -


 
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RE: Tour de Hohenlohe

#7 von Killerdackel , 16.09.2006 21:34

Darf mich HDs Lob uneingeschränkt anschließen
Die von beisl toll beschriebene virtuelle Reise hat Dackel schon mehrfach real erleben dürfen - z.B. im Hotel Schloß Vellberg genächtigt und ein wengele den Schloßgeist durch die Wehrgänge der Schloßmauer gejagt.
Wer in den Wäldern um Schwäbisch Hall ner gaaanz besonders hübschen Jagdteckelin begegnet - ist eine aus unserer Zucht.


 
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