RE: Polen statt Schweden

#1 von Chap , 18.08.2006 13:07

Auch wir sind aus dem Urlaub zurück. Geplant war ja eigendlich Schweden. Ich hatte gute Tips hier aus dem Forum bekommen, Fährzeiten und -preise verglichen, eine Landkarte gekauft, Schweden-Literatur aus der Bücherei besorgt und für meine kleine Tochter und mich eine Angelausrüstung geliehen.

Da blieb dann 3 Wochen vor dem Start nur noch der Gang zum Tierarzt, um die für Schweden vorgeschriebene Blutuntersuchung auf Tollwut-Antikörper bei unserem Hund machen zu lassen. 5 Tage sollte es dauern, bis wir die Bescheinigung erhalten. Eigentlich wollte ich zwischenzeitlich schon mal die Fähre buchen aber irgendwie bin dann nicht dazu gekommen.

Dann der Anruf vom Tierarzt: Der Tita (schreibt man das so?) war nicht ausreichend. Seine Erklärung war, dass der Hund erst einmal als Welpe gegen Tollwut geimpft worden war, dann könne es vorkommen, dass noch nicht genügend Antikörper vorhanden seien. Bei alten Hunden, die regelmäßig ihre Impfung erhalten haben, könnte man theoretisch ein Jahr verzichten und der Immunwert würde immer noch reichen.

Was nun? Am selben Abend kam ein Freund zu Besuch. Als er von unserem Pech hörte, schlug er vor, doch nach Polen zu fahren. Sein Freund hätte dort, einsam am Stettiner Haff gelegen, eine Hütte. Wir könnten unseren Odin dort aufs Grundstück stellen und auch die Hütte nutzen. Ich hatte erst so meine Zweifel, von wegen „Morgens halb zehn in Polen – wo ist mein Knoppers?”.

Aber wir begannen uns mit dem Gedanken anzufreunden.
Einen kleinen Rückschlag bekamen wir nochmal, als uns andere Odin-Besitzer, die ich aus einem Eriba-Forum kenne, besuchten und uns ihre Osteuropa-Reiseerfahrung erzählten (danke Andreas). Sie waren schon mehrmals dort (Polen, Litauen, Lettland, Estland) und hatten dabei die schlechtesten Erfahrungen auf polnischen Campingplätzen gemacht (entweden eine Wiese mit Dixiklo oder Remmidemmi-CP mit Discozelt bis morgens um 5 Uhr). Sie schlugen uns vor, doch gleich nach Litauen durchzufahren, dort sei es am schönsten gewesen.

Aber für die 10 Tage, die wir nur Zeit hatten, war uns das dann doch zu stressig. Wir entschlossen uns, dass Angebot mit der Hütte anzunehmen. Wenn es uns nicht gefallen sollte, wären wir ja nicht so weit von der Grenze entfernt und würden dann an der deutschen Ostsee die letzten Tage verbringen.

Jetzt mußte unsere 6-jährige Tochter noch einen neuen Kinderausweis haben, denn die Polen verlangen selbst schon bei Säuglingen eine Ausweis mit Lichtbild! Flugs noch eine Polenkarte gekauft und 2 Tage vor der Abfahrt noch ein Treffen an der Autobahn mit dem Besitzer der Hütte, der gerade aus Polen zurückkam, zwecks Schlüsselübergabe und Erklärung der Besonderheiten (Strom + Wasser anstellen, wo sind die Boote usw.).

Am 2. August morgens um 6.00 gings dann endlich los. Über die A2 nach Berlin, Berliner Ring, A11, Grenzübergang Pomellen, Stettin, dann 90 km Richtung Norden.

Das Autofahren in Polen ist problemlos. Man muß nur beachten, dass auf den 2-spurigen Schnellstraßen mit breiten Standstreifen, zum Überholen immer eine 3. Spur aufgemacht wird. Es kommt also öfter vor, dass einem 2 Autos nebeneinander entgegenkommen. Wenn man merkt, dass einen jemand überholen will, fährt man ebenfalls auf den Seitenstreifen. Die Polen sind dann sehr freundlich und bedanken sich mit kurzem Warnblinken. Verläßt man die Schnellstraßen, ist es ratsam langsam zu fahren, die Straßen sind oft sehr kurvig und in einem erbärmlichen Zustand. Wenn man an Zebrastreifen (die es auch auf den Schnellstraßen gibt) anhält, schauen einen die Fußgänger oft ganz verdutzt an, sie sind es wohl nicht gewöhnt.

Unser Ziel war Potchowo (sprich: Pochowo), ein Ort mit 8 Häusern, den wir auf den letzten km nach einer Skizze des Besitzers erreichten. Am Ortsrand gelegen, die Hütte mit direktem Zugang ans Haff. Eine traumhafte Landschaft erwartete uns, himmlische Ruhe bei strahlendem Sonnenschein. Ein breiter Schilfgürtel erstreckt sich rund ums Wasser, dass nur zwischen 0,8 und 3 m tief ist. Unsere Tochter konnte vom Steg aus ca. 100 m auf sandigem Grund rauslaufen und das Wasser reichte ihr nur knapp über den Bauch. Auch auf dem „See”, an unserer Stelle ca. 2km breit, gab es keinen Krach, lediglich ein-/zweimal am Tag kam weit draußen ein Boot vorbei. Die einzigen Geräusche, die uns umgaben waren die der unzähligen Vögel. Direkt an unserer Hütte sammelten sich abends 100te von Staren, über dem Wasser kreiste manchmal der Fischadler, über den Wiesen die Rohrweihe. Auf einer Insel im Haff hatte eine riesige Kolonie von Kormoranen ihre Schlafbäume. Und ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Störche gesehen. Nachezu bei jedem 3 Hof horsteten sie auf den Dächern oder Strommasten. Wenn ich morgens zum Brötchenholen in das 3 km entfernte Nachbardorf fuhr, mußte ich manchmal anhalten, weil Adebar in aller Seelenruhre über die Straße schritt. Manchmal „frühstückte” auch einer 30 m neben uns.

Auch auf den Feldern und Wiesen gab es bei jedem Spaziergang was zu entdecken. Rehwild, Hasen, Füchse, Rebhühner und natürlich Unmengen von kleinen Fröschlein, die unsere Tochter alle 10 m vom Feldweg in Sicherheit bringen mußte.

Wir sind fast jeden Tag, von unserem Stützpunkt aus bis Mittags, unterwegs gewesen, um die Gegend zu erkunden und irgendwo was Leckeres zu essen. Das mit dem Essen gestaltet sich manchmal allerdings etwas schwierig, da man sich aus den Speisekarten leider nicht zusammenreimen kann, was sich dahinter verbirgt. Empfehlenswert ist auf alle Fälle das Schaschlick. Es handelt sich dabei um einen ca. 80 cm langen Spieß, auf dem sich Fleischstücke in der Größe von kleinen Schnitzeln befinden. Man zeigt dann an, wieviel cm man von der „Schweinerei” haben möchte. Dazu gibt es allerhand – in viel Fett – gebutzelte Beilagen. Auch in den Lebensmittel-Geschäften hat man es nicht einfach: Der vermeindliche Cammenbert entpuppte sich als Butter, der Gouda war geräuchert, die süße Sahne war eine Saure.

Für Einkäufe sind wir in die kleinen Städtchen Wolin (ca. 18 km südlich) oder Kamien Pomorskie (ca. 15 km nördlich) gefahren. Angst ums Auto hatte ich dort nie, es gab auch jedesmal mitten im Zentrum für einige Zloty einen bewachten Parkplatz.

An den Badeorten an der Ostsee war unheimlich viel Trubel. Polnische und deutsche Touristen bevölkerten die Promenaden und Strände in Massen, wie die Ölsardinen an den Stränden Riminis. Nach einem 1/2-stündigen Strandaufenthalt (meine Tochter wollte so gerne ihr Strandspielzeug ausprobieren) haben wir genervt abgebrochen und sind zum Baden und Bootfahren lieber an „unseren See” zurück.

Wir waren auch noch in Swinemünde. Es lohnt sich nicht unbedingt. Ich schätze, der Krieg hatte dort ziemlich gewütet und dadurch sind nicht viele sehenswerte Gebäude stehengeblieben. Der Rest ist graue, verrottete, sozialistische Einheitsarchitektur. Man trifft dort viele deutsche Rad-Touristen (der Grenzübergang ist für Autos nicht passierbar) und Scandinavier, die von dort aus die Fährverbindungen nutzen.

Eigentlich wollten wir 8 Tage in Polen bleiben und dann noch Freunde in einem Ferienhaus in Rerik (McPom) besuchen, aber wir haben noch einen Tag in dem kleinen Paradies rangehängt, weil uns der Abschied so schwer viel.

Wir sind an der polnischen Ostseeküste, an vielen Campingplätzen vorbeigekommen, sie machten leider alle keinen einladenden Eindruck. Wenn wir den Platz am Haff nochmal in Anspruch nehmen dürfen, war es sicher nicht unser letzter Polenurlaub.

Auf der Rückfahrt sind wir wieder zurück bis Stettin und dann auf der neuen Ostsee-Autobahn A 20 gefahren, um unsere Freunde zu besuchen. Der CP in Rerik war auch nicht der Rede Wert, aber wir waren ja nur 2 Nächte zum schlafen dort. Rerik selbst ist ein netter, moderner, familienfreundlicher Ort und nicht besonders teuer, wenn uns auch die 2 Tage dort mehr gekostet haben, als zuvor 9 Tage Polen.

Gruß Chap

Jetzt noch ein paar Fotos, ich hoffe das klappt.












 
Chap
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RE: Polen statt Schweden

#2 von Winni , 18.08.2006 13:16

Große Klasse!!! Es gibt sie also noch, die Außer-der-Norm-Camper!! Tolle Bilder, traumhafte Landschaft, sagenhaft schön. Und andere messen mit dem Zollstock ihre Parzelle nach.....


 
Winni
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RE: Polen statt Schweden

#3 von mpGF ( gelöscht ) , 18.08.2006 18:41

... bin zwar gerade erst wiedergekommen, aber das macht schon wieder Urlaubslaune ... :thum


mpGF

RE: Polen statt Schweden

#4 von Artox ( gelöscht ) , 18.08.2006 23:23

Danke für den klasse Bericht. Tolle Bilder, scheint wirklich eine herrliche Gegend zu sein. Wie hat denn so die Verständigung mit den "Eingeborenen" geklappt? Kommt man mit Deutsch/Englisch/ Französisch weiter?

Viele Grüße

Horst


Artox

RE: Polen statt Schweden

#5 von Taubi , 18.08.2006 23:52

Moin,
schöner Bericht,macht auch mir Mut mal nach Polen zu fahren.
Die Sprache...nun ich denke mit deutsch kommt man im Grenznahen Gebiet weiter.Oder liege ich falsch?

Taubi...dankt herzlich.


 
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RE: Polen statt Schweden

#6 von gerd ( gelöscht ) , 18.08.2006 23:56

Hallo Chap,

toller Bericht, schöne Bilder. Genau so ein Plätzchen suche ich immer, ist genau nach meinem Geschmack


gerd

RE: Polen statt Schweden

#7 von Chap , 19.08.2006 11:56

Verständigung ist schon ein großes Problem. Auf dem Land, wo wir uns aufgehalten haben, klappt es weder mit deutsch noch englisch. Wir hatten einen Nachbarn, einen ehemaligen Landwirt, dessen Job es war, den ganzen Tag auf das Ferienhaus eines polnischen Bauunternehmers aufzupassen. Er kam morgens, ließ die 2 Pferde raus, saß dann fast den ganzen Tag in der Sonne, holte spät abends die Pferde wieder rein und verließ dann gegen 22.00 das Anwesen. Zwischendurch kam er manchmal bei uns vorbei, auf ein Schwätzchen, ein leckeres Tyski-Bier oder abends auch mal einen Wodka. Wir haben dann immer ein nettes Pläuschchen gehalten. Er hat auch 2 mal mit uns eine Bootstour auf dem Haff gemacht und uns dabe die schönen Ecken gezeigt.

Wir verstehen überhaupt kein polnisch und er weder deutsch noch englisch. Aber mit Händen unf Füßen, einem Block und einem Stift zum Bildchen malen klappte es prima. Nach dem 3. Wodka hatte ich manchmal das Gefühl auch schon ganz passabel polnisch zu sprechen. Für schwierige oder wichtige Begriffe hatte ich mir einen Mini-Sprachführer aus dem Internet kopiert. Man muß allerdings auf die Worte zeigen, die man meint, mit der Aussprache liegt man garantiert daneben.

Am letzten Tag waren wir bei ihm und seiner Frau auf seinem alten Hof zum Essen eingeladen (eine ganz spezielle Erfahrung). Wir waren etwa 2 Stunden dort, sind köstlich bewirtet worden und seine Frau hat uns mit Fotos und Strichzeichnungen ihre gesammten Verwandschaftsverhältnisse bis in die 3. Generation erklärt. Wir sind reich beschenkt worden und mußten versprechen nächstes Jahr wieder zu kommen.

In den Ostsee-Badeorten trifft man schon eher auf Leute, die etwas Fremdsprachen beherrschen, zumal ich das Gefühl hatte, dass dort viele Studenten einem Ferienjob nachgingen.

So jetzt aber wieder los, ich bin eigentlich nur kurz in der Firma, um nach der Post zu sehen. Vielen Dank für das Lob für meinen Reisebericht. Bis Montag.

Chap


 
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RE: Polen statt Schweden

#8 von piefke ( gelöscht ) , 19.10.2006 14:50

Hallo Chap,
ein sehr schöner Bericht. Und gute Bilder. Schade, dass die Jahreszeit schon soweit fortgeschritten und Pomorze so weit ist. Wir waren ´82 mal in Polen auf einer Rundreise. Zumindest in Pommern scheint sich in der Zwischenzeit nichts am Campingplatzstandard geändert zu haben. Übrigens, mit der Sprache ist das gar nicht so schlimm. Wenn du das Wort im Sprachführer gefunden hast, mußt du bei der Aussprache nur zischen wie Daniel in der Schlangengrube und ein paar französische Nasallaute drunter mischen. Du wirst sehen, in den Gesichtern der Polen geht die Sonne auf.
Mit dankbaren Grüßen
Lothar


piefke

   

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